Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 4 (1927) Sonderheft Judentum und Christentum
- Article
- Frömmigkeit in Judentum und Christentum
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 30 (sequence 1)
- Language
- German
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MAX DIENEMANN Grimmigkeit in Sfuöeutum unö C^rtftentum Es ist vielleicht nicht überflüssig zu sagen, daß es sich bei einer Auseinandersetzung zwischen Judentum und Christentum, wie sie hier angebahnt ist, nicht um eine Wertung handelt- Auch der, der im Innersten davon überzeugt ist, daß sein Denken die Wahrheit ist, auch der, der innerlichst davon durchdrungen ist, daß er die Dinge gar nicht anders anschauen könnte, als er es aus seiner Religiosität heraus tut, muß zugleich bei solch einer Auseinandersetzung davon überzeugt sein, daß es sich hier um verschiedene Strombette eines demselben Quell entsprießenden Stromes handelt, daß darzutun ist, wie die religiöse Sehnsucht der Menschen von alten Zeiten her und in alle Ewigkeit um die gleichen Grundfragen zirkelt, und wie in den verschiedengearteten Antworten das gleiche Ringen um den Weg des Menschen zu Gott sich ausdrückt. Damit ist schon gesagt, daß es sich nicht nur um Abgrenzung handeln darf, um Herausarbeitung des Gegensatzes, — es ist ja oft so, daß auf eine Menschheitsfrage zwei sich als geschieden empfindende Religionen von den zwei möglichen Antworten beide kennen und haben, nur daß eine jede die andere Seite starker betont, — sondern daß es sich zugleich um einen Schritt auf dem Wege zu dem messianischen Ziel handeln muß, „daß die Erde so voll werde der Grotteserkenntnis, wie der Meeresgrund von den Wassern überdeckt ist". Man darf nicht aus den Augen verlieren, wenn man Christentum mit Judentum in Vergleich und Beziehung setzte, daß es sich bei dem Judentum nicht in dem einfachen Sinn um Religionsbekenntnis handelt wie bei dem Christentum. Judentum ist Religion und zugleich nicht nur religiöses Bekenntnis. Es ist bei aller Universalitat und Weltweite doch zugleich gebunden an das Bewußtsein einer gemeinsamen Berufung und an eine geschichtlich bedingte Zueinandergehörigkeit der zu dieser Berufung sich Bekennenden. Und ferner, Judentum ist nicht in dem Maße im Bekenntnis festgelegt, wie das Christentum. In diesem ist eine Autorität vorhanden, die die Glaubenslehre bestimmt und formuliert, im Judentum ist seit Jahrhunderten — wenn es überhaupt je eine gegeben hat — keine Autorität vorhanden, die bestimmte Glaubenslehren bindend formuliert. Wenn man Dogma im christlichen Sinne faßt, als einen von einer kirchlichen Behörde festgelegten Glaubenssatz, dessen Leugnung den Verlust der Zugehörigkeit zur Glaubensgemeinschaft und des durch die Kirche verbürgten Heiles nach sich zieht, so hat das Judentum kein Dogma. Es hat wohl bestimmte Lehren und Forderungen, die wesenhaft zu 3o