Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 4 (1927) Sonderheft Judentum und Christentum
- Article
- Gibt es ein jüdisch-christliches Problem?
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 28 (sequence 6)
- Language
- German
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Paul Adler Priorität der Gnade. Als Gesamtheit aber oder auch nur vorzugsweise (wie man vorschlägt) das Christentum „anzunehmen", haben wir keinen Grund in einem Zeitpunkte, wo alle Völker, die nacheinander weniger das Christentum, als eher eine bestimmte Magie aus politischen Gründen angenommen haben, dieses Christentum in großen Volksmassen scharf ablehnen, in ihren überwiegenden Mehrheiten inhaltlich auf ein Minimum zu verringern bestrebt sind. Sollte ein wahrer Christ diese Zeilen zu Gesicht bekommen, so wird er sich ihrer jüdisch-christlichen Betrübnis nicht verschließen können. Es gibt also wie kein soziologisches, so auch kein religiöses Problem des Christentums gegen das Judentum. Die ungeheure Gewissensfrage: „Bist du Christ?" und „Was hast du als Christ zu tun und zu lassen?", diese gtux ist keinem Getauften vor dem Ungetauften erlassen. Wenn das Judentum so für die Menschheit kein echtes Problem darstellt — wenn es im Gegenteil eher zur Verschleierung der wahren sozialen und religiösen Postulate dietnt, so gibt es natürlich noch weniger ein Problem des einzelnen Juden, ob er zu der „erwünschten" oder der „nicht erwünschten" jüdischen Gattung gehört, und was er zur etwaigen Erreichung eines Attestes von der umwohnenden Mehrheit tun solle. Der einsichtigere Jude (und solche bilden glücklicherweise die Mehrheit) wird auch hier die wahren „Unerwünschtheiten" von den vorgegebenen zu trennen wissen, und die ersteren in allen sozialen Verhältnissen mit tobender Kraft vorfinden. Der Jude wird sich also z. B. das Recht nehmen, Deutscher zu sein, soweit es ihm beliebt: etwa Goethe besser zu verstehen als sein Nachbar, so wie der Deutsche Paulus oder die Relativitätstheorie oder die Leitartikel der „Judenpresse" in sich aufnehmen darf. Er wird seine politischen Rechte innerhalb des Staatsgebiets ausüben, und furchtlos je nach Überzeugung Bolschewist oder Industrialist sein. Er wird in keinem Falle sich von den Urteilslosen odeur Unehrlichen einreden lassen, er stünde den deutschen Arbeitern oder der deutschen Wirtschaft oder den Verhältnissen Chinas oder dem beliebten Kanalschwimmen irgendwie „fremd", als „erwünschter" oder „unerwünschter" Zuschauer gegenüber. Der Jude, der über geistige Ordnungen und sachliche Kenntnisse verfügt, weiß, daß es keine lichtscheuen privaten Hausaufgaben der Kultur, sondern nur miteinander verflochtene Schmerzen und Strebungen gibt, für die j e d e r Kopf und jedes Herz gerade gut genug sind. Darum wird der Jude — der in allen Fällen kein freundlich geduldeter, sondern ein ganzer und vollwertiger Mensch ist — sich noch lange nicht als ein „Privilegium odiosum" die Alternative aufdrangen lassen, grundsätzlich auf seine Traditionen und besonderen 28