Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 4 (1927) Sonderheft Judentum und Christentum
- Article
- Gibt es ein jüdisch-christliches Problem?
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 29 (sequence 7)
- Language
- German
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Gibt es ein jüdisch-christliches Problem? Verwandtschaften mehrfacher Art zu verzichten. Der Jude wird als Politiker den christlichen Gesinnungsgenossen dem jüdischen Gesinnungsfeind vorziehen, als Berufener den Berufsgenossen, vielleicht einmal den christlichen Deutschen dem französischen Juden, oder (je nach den Eigenschaften seines Gemütes) überall den Juden dem ihn scheel ansehenden, angeblichen Arier, Der Jude unterscheidet sich in alledem nicht von dem „arischen" Gelehrten oder Kaufmann, Konservativen oder Sozialisten. Warum sollte ihm allein der herzliche Genuß oder erfrischende Born eines Zusammenseins versperrt werden, der doch sogar dem Bayern oder dem „Köllschen" in Berlin unter allgemeiner Billigung sprudelt 1 Kurzum, das den geschichtsbildenden Gewalten schwer abgerungene Maß menschlicher Freiheit, an dessen Aufrichtung der Jude einen nicht ganz unbedeutenden Anteil hat, kommt dem Juden in allen Fällen zu. Der Jude ist dem gläubigen Christen nicht ulichristlicher als die Menge der Scheinchristen, er ist im Staat ein Staatsbürger, in der Wirtschaft ein Wirtschaftssubjekt der einen oder andern Funktion. Der in Deutschland lebende Jude spricht und schreibt mitunter ein besseres oder inhaltlich reicheres Deutsch als die Wortführer eines betonten Deutschtums. Nicht anders als einst Gallier, Afrikaner und zuletzt Angelsachsen und Langobarden sich durch ihre Latinität gegenüber den angeblichen Enkeln Roms auszeichneten. Das europäische Völkergemisch — z. B. die eine gemeineuropäische Syntax gebrauchenden bunten Nachfahren von Finnen oder Baskenvettern, Kelten, Germanen und Wenden — zu verehren oder gering zu schätzen, hat der Jude keinen Anlaß. Er weiß sich selbst den Nachfahren von Ariern und „Armenen", von Ost- und Westsemiten. Nur das noch Wirkende kann er in sich und den anderen anerkennen. Unter allen Bevölkerungen Europas ist der Jude gegenwärtig nach Gesinnung und allgemeiner Verwendbarkeit der am meisten kosmopolitische (nach älterem Sprachgebrauch: „katholische"). Da seine Interessen denen der Kulturwelt relativ am nächsten kommen, sollten die Versuche, ihn zu, stets relativen und lokalen, Mehrheiten hinüberzuziehen, ihn zu majorisieren, von einem höheren Niveau nicht unternommen werden. Sie werden sich ohnedies, in der jetzt nahen Auseinandersetzung von Asien und Europa, vielfach in ein Gegenteil verwandeln. Auch im 20. Jahrhundert wiederum wird der Jude Güter — materielle wie geistige — teils im Lande erzeugen und verzehren, teils mit überraschender Wirkung zwischen Ost und West vermitteln. 29