Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 4 (1927) Sonderheft Judentum und Christentum
- Article
- Gibt es ein jüdisch-christliches Problem?
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 27 (sequence 5)
- Language
- German
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Gibt es ein jüdisch-christliches Problem? allzu beträchtlichen „Erdenrestes". Die historische Forschung bestätigt regelmäßig dieses negative Ergebnis, und wo keine Forschung mehr statthaben kann, müssen wir nach den uns innewohnenden Denkgesetzen gleichfalls literarische Legendenbildung erkennen, und mehr oder minder Legendenbildung durchaus menschlicher Art. Das Christentum hat also im allgemeinen dem Juden nichts zu bieten, was ihm nicht das Judentum bietet; und es versagt ihm nicht mehr, als es auch dem „Getauften" versagt. Ich unterdrücke hier (mit einiger Zurückhaltung, des Raumes halber) persönliche Erfahrungen während zweier Jahrzehnte mit nicht immer unbedeutenden christlichen Büchern und Menschen; und bemerke nur für christliche Theologen, die dies etwa lesen sollten, daß sogar das christliche Grunderlebnis der „Göttlichkeit Christi** jahrelang zugestanden war. Zu der jüdischen Gesamtheit nun zurückkehrend, meine ich, daß diese ein Recht hat, von der christlichen Gesamtheit so lange unbehelligt zu bleiben, als diese nur die Erfolge ihrer zweitausend]ährigen Geschichte mit den nichtverworfenen Völkern aufzuweisen hat. Jedes Studium einer jeden „christlichen" Erscheinung in Vergangenheit wie Gegenwart läßt nur die traurige Notwendigkeit übrig, die Bezeichnung „christlich" rein geistesgeschichtlich, aber keineswegs heilsmäßig zu verstehen. Das gilt von den realen christlichen Kirchen nicht anders als von den realen christlichen Völkern und der gesamten Kultur des christlichen Abendlandes. Die Deutungen: Verderb des Christlichen durch die Heiden und: Nichtzureichen des Christlichen gegenüber dem Unchristlichen sind in allen Fällen gleich möglich, aber auch gleichwertig; da ja das Christliche sich zumeist nicht als eine Geheimlehre der Prädestination (wozu es bekanntlich wiederholt Neigung hatte) darstellt, sondern als eine an die Unerlösten gerichtete „frohe Botschaft" ihrer Erlösungsmöglichkeit. Insoferne steht jede Rede über das Christentum vor dem Juden einer jeden Rede über das Judentum von vornherein gleich. Und in bescheidener Ausdehnung des alten jüdischen Wortes bitten wir seit 1700 Jahren (so vernehmlich, als es die jeweiligen, vorzeiten mit Blut geschriebenen Ordnungen zulassen), den Balken aus unserem Auge nicht entfernen zu wollen, solange der Splitter im ärztlichen Auge uns als Fehlerquelle zu erscheinen geeignet ist. Daß damit nicht im mindesten behauptet werden soll, der einzelne Jude könne im Christentum nicht sein subjektives und vielleicht sein objektives Heil finden, ist klar. Solche Möglichkeiten wird ein unumgänglicher zeitgenössischer Skeptizismus keineswegs aufheben, eher, im Gegenteil, begründen. Das Christentum ist uns also grundsätzlich nicht minder zugänglich und nicht minder verschlossen als den Getauften. Die Gegenbehauptung wäre nur eine scholastische Distinktion, gleichartig der von der 27