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Der Jude · 1925-01-01 · 4 (1927) Sonderheft Judentum und Christentum · p. 22

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Journal
Der Jude
Volume
9 (1925-1927)
Issue
4 (1927) Sonderheft Judentum und Christentum
Article
Mensch und Gott
Date
1925-01-01
Page
22 (sequence 7)
Language
German
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IRI
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Martin Dibelius geben habe, als es das religiöse Recht, die Halacha, in den Mittelpunkt seines Daseins stellte. Es ist christliche Überzeugung, daß das Verhältnis zwischen Gott und Mensch durch das Kreuz, das Zeichen der Paradoxie, zur Darstellung gelange, und daß nicht das Leben in einem bereinigten Verhältnis zwischen Gott und Mensch, sondern das Leben aus der Spannung zwischen Sünde und Gott heraus des Menschen Aufgabe sei. Die Sicherheit des Bewußtseins, daß sein Leben, auch sein Leiden, nach Recht und Gerechtigkeit verlaufe, verschmäht er als Selbsttäuschung; was ihm Sicherheit geben kann, ist einzig die Überzeugung, daß die göttliche Gnade auf eine Justiz verzichte, die jene Spannung auf rationale Weise lösen würde; Gnade vermag mehr als Recht, und Gott ist größer auch als unsere „richtigen" Gedanken; Gott begnadigt den Menschen, ohne seine Rehabilitierung zu verlangen. Das mag nun freilich dem Juden als paradoxer Schritt in die Unmöglichkeit hinein erscheinen; aber gerade diese Unmöglichkeit wird vom Christen bejaht, der als Bürgschaft dabei das Schicksal Jesu vor Augen hat. Der Christ wird seinerseits zugeben, wie gleichgestaltet innere und äußere Entwicklung im Judentum ist; die der Scholle, ihren Rätseln und Geheimnissen entfremdete Judenschaft baut ihr Dasein nicht auf der Bejahung rätselvoller Problematik auf; das werdende Handelsvolk strebt danach, sich klare Beziehungen auch zur Überwelt zu erarbeiten. Ich weiß wohl, was alles sich gegen diese Charakteristik beider Religionen einwenden läßt. Zunächst scheinen alle Zeugnisse jüdischer Irrationalität, vom Buche Hiob an über die mittelalterliche Mystik des Judentums zu den Chassidim der neueren Zeit, zu beweisen, daß das Judentum aller Epochen Sinn für die Problematik im Verhältnis des Menschen zu Gott gehabt habe. Und weiter zeigt die Geschichte des Christentums genug Beispiele von rein rationalem Nomismus, von Kasuistik, von christlicher Halacha. Aber Überschneidungen des Gegensatzes beweisen nichts gegen die grundsätzliche Richtigkeit der Feststellung des Gegensatzes. Sie mögen hervorgerufen sein weniger durch die nachbarliche Nähe der Religionen als dadurch, daß im Judentum wie im Christentum ja tatsächlich zwei verschiedene religiöse Grundhaltungen zu ihrem geschichtlichen Ausdruck gelangen. So ist es kein Wunder, daß sich auf jeder Seite auch Vertreter der anderen Haltung finden. Sodann scheinen der hier gegebenen Abgrenzung auch alle jene zu widersprechen, denen das Wesen des Judentums gerade die Einheit von Geheimnis und Gebot ist. Die leugnen, daß Judentum dort vorhanden sei, „wo sich das Gebot mit sich zufrieden gibt und es nur Gesetz ist, wo aller Bezirk des Lebens nur von ihm erfaßt sein und 22

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