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Der Jude · 1925-01-01 · 4 (1927) Sonderheft Judentum und Christentum · p. 21

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Journal
Der Jude
Volume
9 (1925-1927)
Issue
4 (1927) Sonderheft Judentum und Christentum
Article
Mensch und Gott
Date
1925-01-01
Page
21 (sequence 6)
Language
German
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Mensch und Gott im taglichen Leben selbst der Gradmesser der Frömmigkeit, nicht Opfer und Dienst, aber auch nicht Glaube und Gesinnung. Die wahre Ketzerei ist nicht die unerlaubte Meinung, sondern die Übertretung des Gebots. Und dies ist die zweite, die innere Ursache für die Sonderstellung, die das Judentum in der abendländischen Geistes geschieh te einnimmt. Das Gesetz schafft eine Lebenssphäre, die den frommen Juden der Glaubensnöte und Seelenkampfe überhebt, die für die geistige Entwicklung des Abendlandes bezeichnend sind. Er braucht keine hellenistisch-weltanschauliche Unterströmung in seiner Theologie. Er ist im Handeln seines Gottes gewiß; was beklemmende Ungewißheit in sein Leben tragen kann, ist nicht ein unerkanntes Denkproblem, sondern die verborgene Sünde, die unerkannte Entfremdung von Gott. Unendlich bezeichnend dünkt mich jene im Traktat Aboda zara und an anderen Stellen überlieferte Geschichte, die erzählt, wie Rabbi Elieser über den Schmerz hinwegkommt, den ihm seine Verhaftung wegen angeblicher Häresie, d. h. wegen Neigung zum Christentum, bereitet. Er wird durch ein Wort des Rabbi Akiba daran erinnert, daß er einmal an einer judenchristlichen Auslegung Gefallen gefunden hat; und alsbald sieht er ein, — nicht etwa wie der Verdacht entstanden ist, das wäre unwesentlich — sondern weshalb ihm solches widerfuhr, und er spricht „ich habe übertreten", und bekennt damit, daß jenes Unglück ihn nach Verdienst getroffen hat Also nicht um sein Recht geht es ihm, sondern um das Recht Gottes, um die Theodizee, Und nur die konsequente Durchführung dieses Gedankens bedeutet das Wunder, das von Rabban Gamliel im Traktat Baba mezia berichtet wird. Den überfiel der Sturm im Schiff auf dem Meer; er besann sich und meinte zu erkennen, daß sein Streit mit Rabbi Elieser die Ursache sei. Da erklärte er Gott, daß sein Verhalten nicht von menschlicher Ehrsucht, sondern allein von der Sorge um die göttliche Ehre diktiert gewesen sei — und das Meer ward ruhig. Man sieht auch hier, wie alles auf die Theodizee ankommt: wenn die Sache zwischen Gott und Mensch richtiggestellt ist, dann beruhigen sich nicht nur die Bedenken im Herzen des Frommen, dann beruhigen sich auch alle Nöte und Gefahren, die den Sünder zu Recht umgeben. Hier aber ist der Punkt, wo der Christ seinen Widerspruch anmelden muß. Denn er ist des Glaubens, daß die Sache zwischen Gott und Mensch nie richtiggestellt werden kann. Daß die Spannungen zwischen ihnen durch keine Theodizee erledigt werden, die einer glatten Lösung des Konfliktes zustrebt. Der Christ scheut sich vor jeder solchen Lösung, weil sie ihm das Wesen Gottes wie das des Menschen zu verkennen scheint; und er ist der Meinung, daß das Judentum einen wertvollen Teil seines geistigen Besitzes — jenen vorhin durch das Zitat aus dem vierten Esrabuch charakterisierten Teil — preisge- 21

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