Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 4 (1927) Sonderheft Judentum und Christentum
- Article
- Mensch und Gott
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 23 (sequence 8)
- Language
- German
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Mensch und Gott nur das, was in den Strahlen seiner kalten Helle liegt, der Sinn des Lebens sein soll". Die erklären, daß die ,,andachtlose Religion der bloßen Aktivität" kein Judentum sei (Leo Baeck, Geheimnis und Gebot, in „Der Leuchter" 1921—22). Es ist auch mir kein Zweifel, daß eine ständige Orientierung an dem Schrifttum der jüdischen Bibel in der Tat auf eine solche Einheit von Offenbarung und Forderung hindrängen würde. Aber ich glaube doch — und denke nach Gesprächen mit Juden erschiedener Richtung allen Anlaß zu dieser Meinung zu haben —, daß jene Deutung, auf das Ganze des Judentums gesehen, soziologisch nicht im Recht ist und daß der konstitutive Faktor des Judentums nicht im Geheimnis, sondern im Gebot liegt. Die Bedeutung dieses Faktors kann auch dem Christen nicht verborgen bleiben; der gesamte Alltag vom Aufstehen bis zum Niederlegen wird geheiligt, weil er erfüllt ist vom göttlichen Gebot. Die Gefahr dieser Haltung liegt in dem, was man den jüdischen Realismus nennen kann, beschlossen; sehr leicht erschöpft sich dann auch die Religion im Alltag oder wenigstens im Alltäglichen. Sehr leicht tritt eine Saturiertheit ein, die dem Wesen der Religion entgegengesetzt ist oder mindestens eine auf der Technik gesetzlichen Lebens beruhende Weltlichkeit, die vergißt, daß Gottes Reich und Gottes Sache immer anders ist als Welt und Mensch. Diese Betrachtung will sich nicht mit dem Schein der Objektivität umkleiden. Sie kann an der Tatsache nicht vorbeigehen, daß hier jeder Betrachter Partei ist. So kann sie selbst nichts anderes sein, und will es auch nicht, als ein Teil eines mit Aufrichtigkeit und gutem Willen geführten Gesprächs. PAUL ADLER «tbt e* tin f&ötrt^#riftU#e£ Problem? Für uns Juden als aktiven und Reaktionen erfahrenden Sozialkörper besteht zunächst das Faktum der (in einigem) anders gearteten Umgebung. Wir wollen diesen Sozialkörper einfach hypothesenlos als Gruppe oder Gesamtheit der Juden bezeichnen. Die für den Stand unserer Kenntnisse unzureichenden Hilfsbegriffe „Nation" und „Rasse", auch das rein sinnliche Wort „Volk", können wir an unsere lebendige jüdische Realität so wenig heranbringen, wie z. B. an das „Deutschtum" in Gegenwart und Vergangenheit oder an die „Vereinigten Staaten'*. Den „Geist" aber wollen wir als eine Manifestation nicht immer eitel im Munde führen — gehorsam dem dritten Gebote, das die Apologeten drüben wie hüben allzu wenig beachten. 23