Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 4 (1927) Sonderheft Judentum und Christentum
- Article
- Mensch und Gott
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 19 (sequence 4)
- Language
- German
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Mensch und Gott gation aus als unsichtbar, unendlich bestimmen oder ihn nur als essentia spiritualis bezeichnen, in der Geschichte des Christentums bis hin zur protestantischen Orthodoxie immer wieder vorkommen, so spürt man deutlich, daß diese Abstraktionen mit der Verkündigung der Bibel, und zwar beider Testamente, von Gott kaum etwas zu tun haben. Aber doch ist Vergangenheit wie Gegenwart des Christentums nicht ohne diese hellenistische Linie denkbar. Denn es ist unmöglich, daß in so großen soziologischen Gebilden wie den christlichen Kirchen alles innere Leben aus der Tiefe strömt Abgeleitete Erlebnisse, sittliche Hilfsmotive, gesellschaftliche Konvention, pädagogische Leitung und Führung bestimmen das Verhalten und Denken der Masse auch in den Kirchen. Schon das alte Christentum konnte eine wirklich zu lebende Sittlichkeit nur aufbauen, indem es neten überkommenen jüdischen Lehren auch die spätantike Moral des Hellenismus zu Rate zog. So bedient sich die altchristliche Kunst spätantiker Formen, so die christliche Theologie, wo sie begrifflich und nicht nur in Andeutungen von Gott redet, hellenistischer Aussagen über Gott. Dasein und Aufgabe des Christentums innerhalb der Kultur verlangen eine rationale Zielsetzung; eine Verbindung mit der Bildungswelt ist unerläßlich für eine Kirche, die unter Gebildeten wirken will. So hat in der Geschichte des Christentums immer beides nebeneinander bestanden: das pessimistisch-irrationale Bewußtsein von der Kluft zwischen der vom Christen geglaubten Überwelt und der Welt, in welcher wir leben, und daneben, im Wechsel der Zeiten freilich bald mehr, bald weniger betont, das optimistisch-rationale Bestreben, über diesen Abgrund eine Brücke zu schlagen, die der Mensch zu gehen vermag, der weder Prophet noch Mystiker ist Das Judentum kennt diese Doppelheit der Beziehungen grundsätzlich nur in der Erscheinung, die wir hellenistisches Judentum nennen, also nur dort, wo man — ein paar Jahrhunderte lang und unter ganz besonderen Bedingungen — versucht hat, die biblische, geschichtliche, also partikular bestimmte Offenbarungswelt mit rationalen Mitteln im Rahmen der Naturrechtslehre als eine universale, allen Menschen ohne weiteres zugängliche und verständliche geistige Welt zu erweisen. Als aber das Judentum unter dem Eindruck seiner nationalen Katastrophe und der Erfolge des Christentums sich auf eine geschlossenere Front zurückgezogen hatte, mußte jene Verbindung mit der Welt des Hellenismus abgebrochen werden; das Judentum, m dem die Mischna redigiert wurde, hatte nicht den Ehrgeiz, seine Theologie mit den Mitteln hellenistischer Gotteslehre zu verteidigen. Und so entbehrt das rabbinische Judentum, dem alles heutige Judentum letztlich sein religiöses Leben dankt, der hellenistischen Unterau x9