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Der Jude · 1925-01-01 · 4 (1927) Sonderheft Judentum und Christentum · p. 18

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Journal
Der Jude
Volume
9 (1925-1927)
Issue
4 (1927) Sonderheft Judentum und Christentum
Article
Mensch und Gott
Date
1925-01-01
Page
18 (sequence 3)
Language
German
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IRI
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Martin Dibelius Mutter Schoß nicht mein Grab geworden, daß ich Jakobs Elend nicht brauchte zu sehen und die Not des Volkes Israel?'* — so fragt der Mensch; und Gott antwortet: „So nenne mir der Zukünftigen Zahl und sammle des Regens verstreute Tropfen, mach trockene Blumen wieder grün, öffne mir die verschlossenen Kammern und laß die Winde, die sie bergen, heraus, ... so wenig du eines davon zu tun vermagst, so wenig vermagst du mein Gericht zu erfassen oder das Ziel der Liebe, die ich meinem Volke zugesagt14 (IV. Buch Esra 5). Solche Theodizee der Geschichte ist Israels geistiges Eigentum. Das Christentum hat diesen Gottesglauben. Alle christliche Prophetie, die aus der Tiefe strömt, sieht den gerechten Herrn der Geschichte kommen zum Gericht über die Sünde des Einzelnen oder der Menschheit: Jesus selbst hat nicht das verkündet, was man einen neuen Gottesbegriff nennt; Paulus, Augustin, Anselm, Luther, Calvin haben es mit diesem Gott zu tun, den Israels Propheten erschauten. In den bedeutungsvollen und über Jahrhunderte geistig entscheidenden Jahren, da das Christentum sich vom Judentum trennte, haben die Christen daran festgehalten, daß der Vater Jesu Christi der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs sei; und die es nicht taten, die Gnostiker, vermochten ihre Religion nicht vor dem Versinken in dem Meer des spatantiken Synkretismus zu bewahren. Freilich hat auch der vom Hellenismus geschaffene Gottesbegriff seinen großen Wirkungsbereich im Christentum gehabt; aber auch das Judentum ist ihm nicht fremd geblieben, sondern hat ihm in Philo einen seiner wesentlichsten Vertreter gestellt Gerade Philo zeigt aber, wie fern sich die in seinem Werk miteinander verschmolzenen Betrachtungsweisen eigentlich stehen. Wenn er die biblische Überlieferung von Gottes Sabbatruhe mit dem Satz von der immerwährenden Tätigkeit Gottes ausgleichen muß, wenn er die Bitte des Moses um die Erscheinung Gottes von diesem mit einem Hinweis auf die platonische Ideenlehre beantworten läßt, so spüren wir den Zusammenprall zweier artverschiedener Weisen, von Gott zu denken. Daß die hellenistische Weise im Christentum der griechischen Kirchenväter eine wesentliche Rolle spielt, ist ebenso begreiflich, wie daß sie im Judentum der christlichen Zeit zurücktritt Denn es handelte sich dabei um eine der geistigen Kultur des Hellenismus entstammende Betrachtung Gottes. In diese Kultur hineinzuwachsen war das (mit Einbuße wie mit Gewinn verbundene) Schicksal des Christentums; sich aus ihr zurückzuziehen, doppelt seitdem der Hellenismus im Judentum durch seine Beziehungen zum Christentum diskreditiert war, mußte das Bestreben des rabbinischen Judentums sein. Aber auch im Christentum läßt sich die hellenistische Lehre als artfremd erkennen; und wenn jene alten philosophischen Definitionen Gottes, die ihn nur von der Ne- 18

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