Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 4 (1927) Sonderheft Judentum und Christentum
- Article
- Mensch und Gott
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 17 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3101111-3101214-3101219-3110683--8121-3110724- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Mensch und Gott wegung, die die Welt entgöttert und somit die Volksreligion um ihr Ansehen gebracht hatte. Jede hellenistische, d. h. spätgriechische Religion muß infolgedessen ihren Anspruch dadurch erweisen, daß sie dem geänderten Weltbild Rechnung trägt, und die religiöse Wendung in der hellenistischen Philosophie bestärkt diese Verbindung zwischen Glauben und Weltanschauung. So wird von der einen Welt aus der Schritt zum Glauben an den einen Gott getan, der Universalismus der hellenistischen Religion ist kosmisch bedingt und vermag sich immer wieder zu erheben und zu erwärmen am Anblick der einen Welt: „Zu blicken auf die gegründete Erde, das fließende Meer, die strömenden Flüsse, die linde Luft, das fressende Feuer, der Sterne Lauf, des Himmels alles umkreisenden Schwung! Welch beglückende Schau, mein Sohn, in einem Augenblick dies alles zu sehen, den Unsichtbaren in seiner Bewegung, den Unoffenbaren in seiner Taten Offenbarung!" (Aus den Hermes-Schriften, V). Solche Theologie der kosmischen Schau ist der hellenistischen Welt geläufig. Das Volk Israel hat die entscheidenden Epochen seines Gottesglaubens nicht von der Schau der Welt, sondern von der Erfahrung seiner Geschichte empfangen. Aus dem nationalen Gott seines Volkstums ist ihm Gott der Herr der Völker und darum der Herr aller Welt geworden. Und es sind nicht die glücklichen Zeiten seiner Geschichte, sondern gerade die Jahrhunderte voller Demütigungen, denen es diese Erfahrung von Gott verdankt. Damals, als Gott die Feinde über sein Volk schickte, erwies es sich, daß er nicht der Parteigänger der Seinen ist und der Feind ihrer Feinde, sondern der gerechte Richter, der die Eigenen züchtigt und die Fremden als Mittel dazu gebraucht, der aber Herr ist über die Geschicke und darum über die Welt. Als die Deutung der Geschichte durch die Propheten einmal bis zu dieser Tiefe der Erkenntnis vorgedrungen war, da erschien ihr die Geschichte als ein Dialog zwischen Volk und Gott, als ein beständiges Ringen mit der Frage, wie lange die Prüfung noch währen solle, und ein immer erneutes Antworten des Ewigen in den Erhöhungen und Erniedrigungen der Geschichte. Und die Aussicht auf eine glückliche Endzeit, die ursprünglich vielleicht mythologischer Tradition des Orients entstammte, ward solcherart in die Theodizee verflochten und gewann den Charakter einer Lösung aller Spannungen in Geschichte und Leben; schon um der Welt seine Macht zu erweisen, mußte Gott die Seinen doch einmal am Ende der Zeiten erhöhen und den Gottlosen zeigen, wer der Herr ist. Die individualistische Frömmigkeit religiöser Dichtung wandte solche Erkenntnis auf das Leben -des Einzelnen; sein Unglück ward zum Gleichnis der nationalen Not, und hier wie dort strahlte über allem Dunkel die Gewißheit, daß Gott der Herr ist. „Weshalb ward ich geboren? Warum ist meiner 2 Der Jude, Sonderheft li