Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 4 (1927) Sonderheft Judentum und Christentum
- Article
- Säkularisierte Religion
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 15 (sequence 6)
- Language
- German
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Säkularisierte Religion dem Glauben der Väter entfremdete Jude als Religionsersatz Werke der Wohltätigkeit und Nächstenliebe übt, die nach Umfang, aufgewendeter Energie und persönlicher Interessiertheit ihn ganz erfüllen. Wer diese Menschen kennt, wird in ihrem Tun eine ganz spezifische Färbung nicht übersehen. Es ist weder mit der innerlich ausgeübten Gefühlsreaktion noch mit der sozialen Wirksamkeit zu vergleichen, welche die Mithilfe an der sogenannten freien Fürsorge zeitigt, noch irgendwie als Ausläufer der religiös gebotenen Nächstenliebe zu bewerten, sondern wird tatsächlich als Religionsersatz empfunden, wie er in dieser Gestalt nur bei Juden vorkommt: ein starker angespannter Wille zu opfern, dem anderen zu helfen, der gerade aus dem seiner ursprünglichen Religiosität entfremdeten Juden jenen wohlbekannten Typ von Nüchternheit und Herzenswärme, von theoretischer Skepsis und so oft frei und heiß strömender Liebe zum Menschen und seinen wirklichen Sorgen formt. Der jüdische Zweifel hat gar nichts mit der Religion oder Religionslosigkeit zu tun, sondern ist die Frucht des hohen Alters einer intellektuellen Durchbildung, die in solcher Erstreckung über die volle Breite einer Gruppe eigentlich bloß die jüdische Geschichte kennt. Es ist genau umgekehrt wie Schmitz behauptet: baut man im System des jüdischen Menschen die bewußten Beziehungen auf das Religiöse ab, so bleibt gerade eine ethische Einseitigkeit von erstaunlicher Naivität übrig, ein dem lutherischen Christen einfach unerfaßbarer Glaube an die Möglichkeit der Weltverbesserung. Man darf wohl urteilen, daß im religiösen Juden die echten Tendenzen der europäischen Aufklärung seit jeher wirksam gewesen sind, und daß sie den „glaubenslos" gewordenen als kräftigstes Ingrediens seines Selbst immer begleiten. Das ist ein tiefes unentrinnbares Schicksal. Wir können kein anderes wollen, weil eben das Wollen, die Anspannung des Selbst zu Weltformung, zu Gestaltung menschlicher Gemeinschaft uns eingeboren ist; der „Aberglaube" der Freiheit entspringt unserem innersten Kern. An irgendeinem Punkt stellt sich an allem „jüdischen Mechanismus" eine Bruchstelle heraus. Auch der so gescholtene Marx — übrigens ein Produkt christlicher Erziehung, das zeigt, daß die Kindertaufe nicht unbedingt in dem von Schmitz gewünschten Sinne zu Erfolg führt — hat ja in seiner Gesellschaftstheorie dem Eigenwillen einen breiten Platz, einen entscheidenden Posten zugedacht. Das deutsche Volk hat nur eine Revolution gehabt, die Tat Luthers, eine konservative Revolution, ein Werk, das in seinem tiefsten Sinn zum Quietismus führt. Das deutsche Volk hat der Welt in den letzten dreihundert Jahren die größten Gedanken vorgedacht; aber den Willen zu schicksalschaffenden Entscheidungen hat es nicht i5