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Der Jude · 1925-01-01 · 4 (1927) Sonderheft Judentum und Christentum · p. 16

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
9 (1925-1927)
Issue
4 (1927) Sonderheft Judentum und Christentum
Article
Säkularisierte Religion
Date
1925-01-01
Page
16 (sequence 7)
Language
German
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IRI
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Martin Dibelius aufgebracht. Das größte Volk Europas — Rußland zählt ja nicht mit — ist in allen großen Wendepunkten seiner sozialen und politischen Geschichte entscheidend von außen bestimmt worden. Seine Geschichte war viel mehr die der anderen als die seiner selbst. Das hat gewiß tausend Gründe; aber wog nicht schwerer als alle anderen der, daß ihm die eigene freie Tat im Grunde Schuld, daß Innerlichkeit ihm das Ganze ist? — Auch das ist Schicksal, und wir wollen es ehren, auch wenn wir uns nicht zu ihm bekennen können. MARTIN DIBELIUS iftenfrj) unö Öott Jüdische und christliche Religion haben einen gemeinsamen geistigen Besitz, der in den Heiligen Schriften des Alten Bundes seinen Niederschlag gefunden hat. Christliche und jüdische Religion befinden sich in entscheidendem Gegensatz, soweit es sich um das Verhältnis des Menschen zu Gott handelt. Wenn ich als Christ über jüdische Religion spreche, also nicht über meine jüdischen Volksgenossen oder die Judenheit der Welt, auch nicht über jüdische Eigenart im Guten wie im Bösen, und über die christliche Haltung dieser Eigenart gegenüber, sie geschehe zu Recht oder Unrecht, sondern wenn ich über die jüdische Religion spreche als Erscheinung der Vergangenheit und Gegenwart, so muß von jener Gemeinsamkeit und diesem Gegensatz die Rede sein. Die Gemeinsamkeit wird nicht begriffen, wenn man nur an die Herkunft des Christentums denkt. Es könnte ja sein, daß die Tochterreligion sich allen mütterlichen Bindungen entwunden hätte. Aber schon die Gemeinsamkeit des heiligen Buches bezeugt, daß es sich nicht nur um historische Verhältnisse handelt. Wenn wir die Psalmen mit unserem Neuen Testament zu einem Band vereinigen, wenn eine christliche Kirche wie die anglikanische in ihren taglichen Gottesdiensten das ganze Psalmenbuch monatlich einmal von Anfang bis zu Ende betet, so liegt darin die Anerkennung, daß jüdische Worte und Gedanken auch die christliche Frömmigkeit tragen. Und eine einfache Besinnung auf den jüdischen und den christlichen Gottesglauben zeigt, daß es sich dabei nicht nur um ein traditionelles Pietätsverhältnis, sondern um einen unzerstörbaren Zusammenhang handelt. Denn anders ist das Bewußtsein von Gottes Einheit in Hellas erwachsen, anders in Palästina. Die spätgriechische Religionsentwicklung ist durch die griechische Aufklärung bedingt, jene geistige Be- 16

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