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Der Jude · 1925-01-01 · 4 (1927) Sonderheft Judentum und Christentum · p. 14

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
9 (1925-1927)
Issue
4 (1927) Sonderheft Judentum und Christentum
Article
Säkularisierte Religion
Date
1925-01-01
Page
14 (sequence 5)
Language
German
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IRI
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Max Wiener zurückgeführt worden, und ihre Wertungen bleiben in Kraft, auch wenn ihre ursprünglichen Antriebe verkümmert oder gänzlich abgestorben sind. Das ist freilich ein schroffer Gegensatz zum Luthertum. Der moderne, der „ungläubige" Jude hat das „Gesetz" fallen gelassen. Das ganze? — Nein. Das hatte Paulus getan, indem er Kultus and Ethos nivellierte und aus dem Sollen das ihm aus der Gnade hervorfließende Müssen machte. Der moderne Jude hat — und wir finden solche Bestrebungen auch sehr ernsthaft im Kreise jüdischer Gläubigkeit zu Hause — nur den innergesetzlichen Rationalismus fortgesetzt, der Propheten und Psalmdichter das Opfer verwerfen hieß und ihr Leben auf die mit Leidenschaft erfaßten Gebote der Gerechtigkeit und Menschenliebe gründete. Was die jüdischen Sozialisten und Revolutionäre das Leben der deutschen Arbeiter angeht? Das Gefühl für Billigkeit und Recht, für Menschenwürde und Brüderlichkeit! Phrasen? — Wir Juden, hindurchgegangen durch eine Schule, welche durch hundert Generationen hindurch uns immer wieder gelehrt hat, daß Gesinnung sich nur an der Tat, am Willen zur Tat die eigene Echtheit und Wahrheit beweist, glauben doch aber nun einmal daran, wie wir am tiefsten an dem Glauben zweifeln, der nicht sein Äußerstes leistet, Erfüllung zu werden. Hier sind wir einmal die Naiven, die Kindsköpfe oder die Oberflächlichen. Es ist bestimmt nicht wahr, daß die jüdische Sucht zur Weltverbesserung, zu sozialer Revolutionierung, zu hervorragender Teilnahme an pazifistischen, menschheitsorganisatorischen Zielen primär egoistischen Beweggründen entstammt, sei es solchen, die aus Gruppensolidarität heraus das Los des eigenen Stammes verbessern wollen, seien es Haß oder Rachegefühle gegen eine Herrenkaste oder gar Tendenzen persönlichen Ehrgeizes, Eitelkeit, die Sucht, um jeden Preis eine Rolle zu spielen. Viel tiefer sitzt dem Juden von dreitausendjähriger Erbmasse her der naive Glaube im Blute, daß Gottes Wollen und Wirken an der Welt am letzten Ende doch einsichtig erkennbar und vom Menschen vollziehbar ist. Das Alte Testament hat die Lehre erfunden, daß man Gott unabdingbaren Gehorsam in der Befolgung seines im Gesetz sich offenbarenden Willens schuldig sei; es ist damit zum Urbild aller religiösen Leidenschaftlichkeit überhaupt geworden. Die Form, die darin liegt, ist nie zerschlagen worden; sie wurde vielmehr zum Typus des jüdischen Menschen. Wir sehen sie noch dort, wo sie längst des ursprünglichen Gesetzesinhalts entleert ist: die Willenskräftigkeit des biblischen Gottes setzt sich noch in den letzten abtrünnig gewordenen Nachfahren des biblischen Volkes als Erbe fort. Es ist eine häufig zu beobachtende Erscheinimg, daß gerade der i4

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