Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 4 (1927) Sonderheft Judentum und Christentum
- Article
- Säkularisierte Religion
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 13 (sequence 4)
- Language
- German
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Säkularisierte Religion dem auch die jüdischen Religionsschriften voll sind, ist empirischer, nicht metaphysischer Natur, aller Jenseitsglaube, der im Ausgang des alttestamentlichen Zeitalters als Reaktion des individuellen Geltungsbewußtseins auf die Naivität der Kollektivgesinnung einsetzt und ein integrierender Bestand jüdischen Frömmigkeitsgefühls bleibt, entwurzelt nicht den Sinn des Diesseits, das als Schauplatz gottgesetzter, dem Menschen aufgegebener Willensbewährung vollkommen im Sinne des deutschen Idealisten „das versinnlichte Materiale unserer Pflicht4' bleibt Diese Betätigung ist heilig; denn Gott hat sie geboten, durch seine Gebote den Menschen geheiligt; sie ist das Wesen des Menschen, wie Gott ihn will; seine Gnade — er hat kein „Recht" vor Gott —, daß er das Gesetz erfüllen darf und soll. Gesetz ist alles, Zeremoniell wie Menschenliebe. Wir Juden glauben von uns, daß das Gebot der Verwirklichung, der Erfüllung uns oberstes Gesetz ist. Wir glauben unserer Innerlichkeit, daß sie wahr ist, nur wenn sie wirklich, wenn sie wirksam ist. Wir zweifeln nicht daran, daß die, die sich im beseligenden Besitz der Gnade wissen, kein höheres Gut kennen, kein höheres kennen dürfen. Aber wir sind dreitausend Jahre lang darin erzogen worden, in der Gebotserfüllung, in der Verwirklichung aus angespanntester Kraft heraus den Sinn unseres, den Sinn des Menschenlebens überhaupt zu sehen. Und der durchschnittliche Jude ist — auch eine Frucht seiner Erziehung durch das Gesetz — immer mehr Jude gewesen, als der durchschnittliche Christ Christ war und ist. Die jüdische Religion ist nicht die einzige Religion des Gesetzes. Praktisch kommt der Puritanismus durch die ihm wesenhafte Bewährungsidee zu ähnlichem Ergebnis. Schmitz selbst fällt auf, daß es zur Aufnahme der Juden in dem angeblich vorzugsweise sozial orientierten England genügte, daß sie gentlemen wurden. Als aber die Juden nach mehrhundertjähriger Ausschließung wieder nach England kamen, erleichterte es ihre Wiederansiedlung, daß der damals noch unmittelbar wirkungskräftige Puritanismus, der stark alttestamentlich orientiert war, im religiösen Geist des Judentums etwas fand, was er mit den eigenen Anschauungen verwandt fühlte. Wir glauben, uns den Gedankengang Max Webers zu eigen machen zu dürfen, daß der Puritanismus die wichtigste Komponente in der Bildung des modernen angelsächsischen Menschentyps geliefert, daß hier die Säkularisierung des Religiösen zu jener innerweltlichen Askese geführt hat, die aus ursprünglich religiösen Motiven heraus die Kraft zu stärkster weitzugekehrter, weltinteressierter Energie geboren hat. Die Religion ist hier letzten Endes wieder zum Moralismus i3