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Der Jude · 1925-01-01 · 4 (1927) Sonderheft Judentum und Christentum · p. 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
9 (1925-1927)
Issue
4 (1927) Sonderheft Judentum und Christentum
Article
Säkularisierte Religion
Date
1925-01-01
Page
12 (sequence 3)
Language
German
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IRI
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Max Wiener eine Gegenüberstellung von Judentum und Christentum als zweier Religionen, die, in ihrer vollen ursprünglichen Lebensenergie wirkend, zwei Gruppen von Gläubigen gepackt halten; denn er wendet sich ja nicht an die gläubigen, sondern an die ungläubigen Juden. Es handelt sich also um eine Gegenüberstellung von christlicher Gläubigkeit und jüdischer Ungläubigkeit; er urteilt wesentlich vom Standpunkt des gläubigen Christen über den religionslosen Juden. Wenn wir diese für uns so schwierige Diskussionsbasis überhaupt betreten wollen — und wir wollen es versuchen —, so bleibt uns offenbar nur übrig zu prüfen, welche Spuren gedanklicher, gefühlsmäßiger und willenshafter Impulse die jüdische Religion in den Kindern des jüdischen Stammes eingegraben und zu fortwirkendem Besitz gemacht hat, die als „ungläubig'4 charakterisiert werden. Also jüdisch-religiöser Geist in säkularisierter Form, in möglichster Abgelöstheit vom Offenbartheitsbewußtsein, in reiner Zukehr zur Welt. Wie schauen jüdische x\ugen diese jüdischen Menschen, die uns von Schmitz ganz wesentlich als Produkt des Ressentiments geschildert werden? Welches sind die weltlichen, die inner- und zwischenmenschlichen Kräfte, welche die Religion im ursprünglichen, schon im alttestamentlichen Geiste des Judentums ergriffen und durch Dirigierung auf das göttliche Zentrum geweiht und beflügelt hat? Das Gesetz, das von vornherein, von den uns überhaupt zugänglichen Anfängen des israelitischen Glaubens an das Denken und Handeln motiviert und beherrscht, hat zu seinem Korrelat den Glauben an die menschliche von Gott gewollte Willensmacht. Es ist unmöglich, die große, ja ausschlaggebende Stellung zu übersehen, welche von den frühesten Quellen ab der ratio, der einsichtigen Erkenntnis, eingeräumt ist; Gottes Gedanken sind nicht der Menschen Gedanken und Gottes Wege nicht der Menschen Wege, aber das Anders ist hier gewiß nur in einem quantitativen, nicht in qualitativem Sinne gemeint, und die Unerreichbarkeit des Ideals lähmt nicht die Kraft, sondern stachelt sie zu unermüdlicher Bewährung an. So wird das Gesetz die Quelle für eine Willensanspannung ins Unbedingte, und die Propheten — ihre Stellung zum zeremoniellen und rituellen Inhalt der Thora mag sein wie sie wolle — werden die leidenschaftlichsten Willensmenschen, die fanatischsten Revolutionäre und Volksaufwiegler, welche die Geschichte kennt. Dieser formale Charakter im religiösen Gehalt, der glühende Verwirklichungswille, der ganz auf Tat gestellte Glaube an die Möglichkeit von Umgestaltung und Besserung, von persönlicher Umkehr und Kraft des Gehorsams gegenüber dem Gebot sind das Rückgrat dieser Religiosität, und ihre Voraussetzung: die Freiheit, das Wesen jüdischen Menschentums. Aller ethische Pessimismus, von 13

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