Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 4 (1927) Sonderheft Judentum und Christentum
- Article
- Säkularisierte Religion
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 11 (sequence 2)
- Language
- German
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Säkularisierte Religion entferntesten möglich sein sollte. Untergang des Abendlandes oder nicht: eine neue Religion, die auch nur von weitem dem ähnelt, was man seit immerhin schon dreitausend Jahren mit diesem Namen geheißen hat, wird es für unabsehbare Zeiträume nicht mehr geben. Aber nicht alles an der Religion ist sie selber. Man achte auf den logischen Prozeß, vermittels dessen sie sich zu dem Kulturgehalt der ihr Untertanen Geister jeweils in Beziehung gesetzt hat. Karl Marx' Erklärung, daß sie und alle weltanschauliche Ideologie nur die Spiegelung der wirtschaftlichen Wirklichkeit sei, übersieht gewiß die Eigenkraft und Autarkie des religiösen Instinktes, also von seiten ihres Wesens die Hauptsache. Aber in einem Punkte hat er Recht: einen angebbaren eigenen Inhalt des Religiösen gibt es nicht; der muß aus der Fülle erlebter Weltwirklichkeit hervorgeholt werden, um jener Funktion Nahrung zu geben, welche das Erlebnis der höchsten Werte dadurch weiht, daß sie sie als symbolischen Ausdruck des an sich unfaßbaren; ewig rätselhaften göttlichen Seins ergreift. Alle Religion will Offenbarung eines Transzendenten sein; aber alle Jenseitigkeit muß sich an den Gehalten diesseits erfahrenen Lebens auswirken und erfüllen. Und wenn Gott, der Heilige, immer zugleich der Gute, der vollkommen Gute ist, so doch nur darum, weil das Gute, die von Mensch zu Mensch überströmende Gesinnung der Liebe, als höchster Wert in der Sphäre zwischenmenschlicher Beziehungen empfunden wird. Religiöser Akosmismus tut in der Tat nie den letzten Schritt zu bedingungsloser Verneinung und Entselbstung des Daseins; und die Bedeutung der Mystik beruht nicht im Schweigen des Ekstatikers, sondern trotz leidvollen Erwachens zur Welt eben in seinem eigentümlichen Wachen in der Welt. Die Religion fügt kein Element zum Kulturgehalt hinzu, aber indem sie sich seiner bemächtigt, indem es für sie kein Adiaphoron gibt, durchdringt ihre Allgegenwärtigkeit das Ganze, wird so Weltanschauung und Weltgefühl in einem und bleibt, über diese hinausreichend und sie umfangend, noch die Bewußtheit von einem dunklen Grunde, Gottes, der auch durch seine Welt und von ihr nie völlig erkannt wird. Die Diskussion, zu deren Förderung diese Zeilen beitragen wollen, war von der christlicherseits aufgestellten Antithese ausgegangen: Christentum — Gnade, Judentum — Gesetz. Als Antithese, die für jede der beiden Seiten genau ein Wort hat, mag man das gelten lassen, obwohl doch das Gesetz nach jüdischer Anschauung ein reiner Akt der göttlichen Gnade war und zahlreiche jüdische Segensformeln Gott dafür danken, daß „er uns geheiligt hat durch seine Gebote". Aber es handelt sich ja — wenigstens bei Schmitz — viel weniger um 11