Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 4 (1927) Sonderheft Judentum und Christentum
- Article
- Säkularisierte Religion
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 10 (sequence 1)
- Language
- German
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MAX WIENER £>äkulartfterte äMiigton Die Religion beginnt ihre Wirksamkeit mit der Offenbarung Gottes an den Menschen. Sie lebt in dem Geiste, dem die Wurzelung im Überirdischen, im Göttlichen das Fundament seines irdischen weltzugekehrten Daseins ist; sie lebt in ihm um so stärker, je tiefer er den Zusammenklang seiner Frömmigkeit mit den überlieferten Zeugnissen der Gotterfülltheit vergangener Tage, der Höhepunkte der göttlichen Erleuchtung, der Heldenzeit der Religion verspürt, da die Offenbarung augenfällig auf Gottesmänner und Heilige einströmte. Tradition, geprägte Form religiösen Denkens und Empfindens erweist sich so lange als fruchtbar, wie sie in einer Persönlichkeit als Gefäß des Eigenseins dessen Kraft zusammenhält und stützt. Wirklich von innen her bekannt, gefühlsmäßig und einfühlsam vertraut ist uns Angehörigen der irgendwie dem Judentum entsprossenen Glaubenskreise nur die Religiosität, die, durch eine überlange Strecke hindurch bis zu unseren Eltern oder Großeltern traditionsgebunden, „positiv" bestimmt, den religiösen Gehalt überhaupt uns in mehr oder weniger festumrissener Gestalt von Konfession oder sonst konkreter Lehre oder umgrenztem Leben geschenkt hat. Seit wenigen Generationen machen wir — und zwar westliches Christentum wie Judentum in ganz analoger Weise — einen Prozeß der Lockerung oder gar völligen Auflösung jener alten Bindungen durch, von dem noch kein Mensch sagen kann, wo und wie er enden wird. Ob die Religion die Religionen überdauern, ob sie bleiben wird in einem uns verständlichen Sinn, wenn das überkommene Erbe von Gedanken, Stimmungen, Willens an trieben, lebendig aufgenommenen und wirksam gewordenen Jugenderinnerungen dahin ist, das ist ganz unsicher. Mir scheint, daß das eigentlich Religiöse in der Religion, will sagen, das, was uns eines wohl rätselhaften, aber gleichwohl als unbedingt wirklich empfundenen Zusammenhanges mit einem heiligen Weltgrunde und mit der unserem persönlichen Leben Sinn verleihenden Vorsehung gewiß macht, sich auf die Dauer verflüchtigen wird, wenn wir keinen innerlichen Anschluß mehr an die großen geschichtlich gewordenen Lebenswelten des Glaubens finden. Metaphysische oder mystische Sehnsucht erzeugt noch lange keine neue Religion; jedenfalls ist es ganz unvorstellbar, wie das, was jenen historischen Gebilden diese ungeheure Wucht gegeben hat, daß sie, an das Innerste der Einzelwesen rührend, Gemeinschaftswirkungen von unerhörtem Ausmaß gezeitigt haben, einer ,,freien Religiosität" oder irgendeinem philo- oder theosophischen Surrogat auch nur im 10