Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 4 (1927) Sonderheft Judentum und Christentum
- Article
- Vom erledigten Judentum
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 7 (sequence 4)
- Language
- German
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Vom erledigten Judentum der einzigartigen Lebensiinie des jüdischen Volkes sämtliche geschichtsphilosophischen Theorien glänzend versagen —,war sie nach der christlichen Meinung Tatsache und ist nur außer Geltung gesetzt. Das Judentum aber kann in der Bibel, der Grundlage seiner Lehre und seines Lebenssystems, nirgends auch nur eine Andeutung dafür finden, daß diese Lehre und dieses System im Sinne letzter religiöser Ansprüche doch fehlerhaft seien und ihre Anhänger darauf gefaßt sein müßten, ihretwegen eines schönen Tages verworfen zu werden. Es hat daher auch nicht die geringste Neigung, sich die Auserwähltheit des jüdischen Volkes sozusagen ausreden zu lassen. Die Auserwähltheii ist ihm auch kein nebensächliches Ornament in dessen Aufbau, sondern einer der Eckpfeiler, die ihn tragen — ein Eckpfeiler, dessen Sinn und Zweck schon aus der gewöhnlich so gut wie gar nicht beachteten Tatsache erhellen, daß das Judentum, zum Unterschied von seinen Tochterreligionen, nur für das jüdische Volk, sonst aber nicht „alleinseligmachend*4 sein will. Während das Christentum und der Islam Menschheitsreligionen, Weltreligionen zu sein beanspruchen, von jedem Menschen den Eintritt in ihren Verband verlangen, ihm nur für diesen Fall die Seligkeit zusichern, hat das Judentum diesen Anspruch nie erhoben, dieses Verlangen nie gestellt, vielmehr, ganz im Gegenteil, sich immer auf das eine jüdische Volk eingestellt, zugleich aber auch den Frommen aller anderen Völker den Anteil am ewigen Leben ausdrücklich zugesichert. Und nicht genug an dem: Wenn es auch die bisherigen Ergebnisse seiner Ausstrahlung, Christentum und Islam, nicht als Hochgipfel religiöser Beziehung zu Gott, der Welt und den Nebenmenschen betrachten kann, so hält es doch im Prinzip außerhalb des jüdischen Volkes Religionen für denkbar, die in eigenen Formen solche Hochgipfel erreichen. Dies alles aber nicht etwa aus hochmütiger Gleichgültigkeit gegenüber dem religiösen Schicksal der anderen Völker, oder aus heidnischer „Toleranz", auch nicht etwa, weil es sich im Innersten selbst nicht für die volle Wahrheit halten würde, sondern um der Auserwählung willen, d. h. darum, weil es glaubt, daß diese seine volle Wahrheit dem jüdischen Volke in einem bestimmten Lebensrahmen anvertraut ist, daß ihm durch den Bund mit Gott eine andere Weise des Wirkens auf die Umwelt vorgezeichnet ist, als das Werben und „Bekehren": Ein Zeugnis- und Beispielsvolk zu sein, ein Kraftzentrum der Gotteseinheitslehre und ihrer Konsequenzen, aus dem, immer erneut, gesammelte Energien in die Umwelt ausstrahlen und diese in der Richtung zur Wahrheit in Bewegung setzen — wobei es Gott überlassen bleibt, zu welcher Zeit die Fernwirkungen dieses Zentrums Gestalt und welche Gestalt sie annehmen sollen. Dabei ist jedem Juden, der sich über sich und sein Volk Rechen- 7