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Der Jude · 1925-01-01 · 4 (1927) Sonderheft Judentum und Christentum · p. 3

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Journal
Der Jude
Volume
9 (1925-1927)
Issue
4 (1927) Sonderheft Judentum und Christentum
Article
Gott und die Ideen
Date
1925-01-01
Page
3 (sequence 3)
Language
German
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Gott und die Ideen Beweist diese Tatsache nicht in erschütternder Deutlichkeit die einfache Wahrheit, daß Idee und Tatsache zwei ganz verschiedene Dinge sind? Was fordert mehr zur Einheit auf als die Idee eines und desselben Gottes — und was hat im Reich der Tatsachen mehr Feindschaft erweckt? Ist dieser Umstand nicht zwingend für die Erkenntnis, daß die Tatsachen nicht nur dafür da sind, einer Idee Ausdruck zu geben, daß sie sozusagen ihr eigenes Leben führen, und daß das Verfahren, aus den Tatsachen ihre gemeinsame Idee herauszuschälen, durchaus nicht Schale und Kern auseinandernehmen heißt? Die Tatsachen sind eben nicht nur für die Ideen da. In dieser beständigen Vergewaltigung der Tatsachen den Ideen zulieb besteht ja mit einem Wort das erst in der letzten Zeit mehr und mehr erkannte, jahrtausendelang vorherrschende Unvermögen des Menschengeistes, den Tatsachen gerecht zu werden. So wird es auch in unserer Frage sein Bewenden damit haben: Niemals werden sich Juden und Christen auch nur einen Schritt näherkommen darum, weil beide an einen und denselben Gott glauben, solange dieser Glaube nur eine Vorstellung ihres Geistes, also eine Idee ist. Es bleibt dabei: Ideeneinheiten sind keine, nur was tatsächlich einig ist, ist einig. 2. Damit scheint nun die Frage nach einer Annäherung beider Religionen aneinander erledigt zu sein. Wenn das Paradox gilt, daß einerseits die Ideen allein auf Einheit ausgehen, die Tatsachen dagegen in ihrer spröden Besonderheit Trennung stiften, aber andererseits nur die in den Tatsachen vorhandene Einheit wirkliche Einheit ist, so ist es aussichtslos, sich weiterhin auf einem Gebiete Friede stiftend bemühen zu wollen, das wie kein anderes angefüllt ist mit Tatsachen, die einander aufs äußerste bekämpfen. Aussicht auf Erfolg hätte also eine zwischen Judentum und Christentum vermittelnde Tendenz nur in einem Falle: wenn die oberste Idee zugleich die oberste Tatsache wäre! Aber das ist nun hier gerade der Fall! Gott ist das Allgemeinste und zugleich das Einzelnste, sozusagen: das Besonderste, das Persönlichste, was es gibt. Gott ist Tatsache, nicht Idee. Tatsache, die alle Ideen in sich faßt Gott ist Wirklichkeit, nicht religiöse Vorstellung. Gott ist nicht Dogma des Judentums und nicht Dogma des Christentums. Gott steht über Judentum und Christentum. Es gibt Judentum und Christentum, weil Gott ist. i* 3

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