Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 9 (Dezember 1916)
- Article
- Die Organisation des jüdischen Volkskredits in Russland
- Date
- 1916-12-01
- Page
- 639 (sequence 2)
- Language
- German
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Daten und Materialien 639 russische Judenheit in einem Schicksalsmomente der Geschichte für ihre wirtschaftliche Selbstwehr unvorbereitet — und nun galt es unter dem Donner des Kriegsgewitters jenes gesellschaftliche Werkzeug zu schmieden, das man eigentlich von Friedenszeiten her in fertiger Gestalt bereits vorrätig hätte haben sollen. Die Organisierung der Kredithilfe an Handwerker, Händler und Kleinindustrielle in Zusammenhang mit den wirtschaftlichen Folgen des europäischen Krieges wurde von uns nach drei Richtungen hin vorgenommen. Unter der Leitung des genossenschaftlichen Zentrums Bankhaus Warschawski & Comp, wurden energische Bemühungen unternommen zur Aufrechterhaltung noch bestehender, zur Wiederherstellung aus dem Gebiete militärischer Operationen evakuierter und zur Errichtung neuer Genossenschaften an allen den Orten, die durch das Zirkular vom 4. August 1915 (alter Zeitrechnung) den Juden freigegeben worden waren. Das genossenschaftliche Zentrum des oben genannten Bankhauses stellte sich anderseits die Aufgabe, die Tätigkeit der Genossenschaften durch die Einführung eines Versicherungssystems an den Kreditbedarf der Flüchtlinge anzupassen. Aber wie ich schon einmal bei einer anderen Gelegenheit ausgeführt habe, hat die bereits zu Beginn der ersten Feindseligkeiten eingetretene Unterbindung unserer Beziehungen zu den Institutionen unserer westlichen Brüder unser genossenschaftliches Zentrum in eine sehr schwierige Situation versetzt, so daß dieses sich veranlaßt sah, den teuer zu stehen kommenden Kredit privater Banken behufs seiner finanziellen Operationen auf dem Gebiete des jüdischen Genossenschaftswesens zu beanspruchen. Um so weniger konnte natürlich das Bankhaus Warschawski & Comp, sich der Hoffnung hingeben, die Lösung dieser außerordentlichen Aufgabe, der Kredithilfe für die Flüchtlingsmasse, in die eigenen Hände zu nehmen. In Anbetracht dieser Sachlage wandten sich unsere Genossenschaften an das zentrale Hilfskomitee für die Kriegsopfer mit dem Vorschlage, aus den ihm zu Gebote stehenden Geldmitteln einen speziellen Fonds zu bilden, und diesen Fonds dem Bankhaus Warschawski & Comp, zur Verfügung zu stellen, um es auf diese Weise in den Stand zu setzen, die Tätigkeit der bereits bestehenden sowie neu entstehender Genossenschaften dem Kreditbedarf der jüdischen Flüchtlinge anzupassen. Das zentrale Hilfskomitee ging auch auf diesen Vorschlag ein und assignierte 200 000 Rubel zur Gründung eines kreditgenossenschaftlichen Fonds. Bald darauf traf das Bankhaus Warschawski & Comp, eine Vereinbarung mit einer ganzen Anzahl jüdischer Sparkassengenossenschaften, die sich unter Übernahme eines Risikos im Ausmaße von 25% für den Fall etwaiger Verluste und Unkosten den jüdischen Flüchtlingen Kredithilfe zu gewähren. Ein spezieller Zentralfonds bürgte für die übrigen 75% des zu tragenden Risikos. Laut den Angaben vom 1. Januar 1916 (alter Zeitrechnung) verpflichtete sich das obige Bankhaus von 13 Sparkassengenossenschaften für einen Betrag in der Höhe von 124 000 Rubel. Weitere Assignierungen für neue 10 Genossenschaften im Betrage von 67 500 Rubel wurden in Aussicht gestellt. Die erwähnten Arten der Kreditorganisation erwiesen sich jedoch außerstande, den Anforderungen des Momentes nachzukommen und dem im Zusammenhang mit den geschichtlichen Ereignissen plötzlich wahrgenommenen äußerst scharfen Bedürfnis nach einem billigen und zugänglichen Volkskredit Genüge zu leisten. Es mußte sich dieses Bedürfnis nun notgedrungen eine neue Bahn in unserer Kreditorganisation brechen: es war dies die Form der sogenannten gesellschaftlichen Kredithilfe. Eine bestimmte Tätigkeit nach dieser Richtung hin entfaltete eine andere zentrale Organisation: die Abteilung der Arbeitshilfe in der Gesellschaft der Handwerks¬ und Ackerbauarbeit. Die Hauptetappen dieser Tätigkeit möchten wir nun in knappen Strichen und den allgemeinsten Zügen darlegen. Seit den ersten Tagen der ausgebrochenen Katastrophe erkannte bereits die obenerwähnte Abteilung die gewaltige und bedeutungsvolle Rolle, die einem billigen Volkskredit im Kampf gegen die Folgen der eingetretenen wirtschaftlichen Zerfahrenheit zufallen mußte. Durch einen billigen und vorteilhaften Kredit zum Zwecke der Organisierung und Erweiterung von Vermittlungsoperationen für Handwerker erleichterte die Abteilung einigen Genossenschaften jene Arbeit, die notwendig war, uns unsere ökonomischen Positionen an den dem Kriegsschauplatz nah gelagerten Hinterlandspunkten der Ansiedlungszone zu befestigen und auf diese Weise den Kampf gegen die mehr und mehr um sich greifende Arbeitslosigkeit günstiger zu gestalten. Dieselben Ziele erreichte die Abteilung durch Kredithilfe an eine ganze Reihe örtlicher gesellschaftlicher Institutionen zwecks Organisierung und Ausstattung genossenschaftlicher Werkstätten. Anderseits waren bereits seit dem Ausbruche des Krieges verschiedene Versuche gemacht worden, den Flüchtlingen produktive Vorschüsse an Geld,