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Der Jude · 1916-12-01 · Heft 9 (Dezember 1916) · p. 638

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 9 (Dezember 1916)
Article
Die Organisation des jüdischen Volkskredits in Russland
Date
1916-12-01
Page
638 (sequence 1)
Language
German
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DATEN UND MATERIALIEN Die Organisation des jüdischen Volkskredits in Rußland Wir entnehmen diese Ausführungen einem auf einer Sitzung des jüdischen Hilfskomitees gehaltenen Vortrag von W. Latzki, der in der in Petersburg erscheinenden „Zeitschrift für Arbeitshilfe unter den Juden*1 veröffentlicht worden ist. Der Krieg hat unsere Handwerker und Industriellen vom Boden ihrer gewohnten wirtschaftlichen Umgebung losgerissen und in die fernen Gouvernements des inneren Rußlands geschleudert — in Gebiete mit einer in ihrer Entwicklung stehen gebliebenen Geld-und Kreditwirtschaft, an der die Spuren der jüngsten Vergangenheit, der primitiven und starren Formen der Naturalwirtschaft noch jetzt zu erkennen sind. Wenn auch an diesen neuen Orten ein halbwegs in Gang gebrachter Kreditmechanismus funktionierte, so erwies er sich doch für die Ankömmlinge als unzugänglich, und harmonierte sehr schlecht mit deren Gewohnheiten und Bedürfnissen: die neuen Kreditherren kannten den Joseph nicht, der vor ihnen, zumal in den zerlumpten Kleidern des Flüchtlings und Vertriebenen, erschien, und bekundete keineswegs die Absicht, ihm schon in der ersten Zeit eine hilfreiche Hand zu bieten. Der jüdischen Gesellschaft fiel unter diesen außerordentlichen Umständen die schwierige Aufgabe zu, eine organisatorisch-schöpferische Tätigkeit an den Tag zu fördern, und an allen diesen Orten eine Reihe Kreditanstalten ins Leben zu rufen, die fähig wären, den belebenden Strom des Kredits in die feinsten Kapillargefäße des durch die allgemeine Krise hart getroffenen Volksorganismus zu lenken. Unrichtig wäre es zu sagen, daß diese uns zugefallene gesellschaftliche Aufgabe uns in einem für deren Lösung ganz unvorbereiteten Zustande überrascht hätte. Die langjährige Erfahrung der im Ansiedlungsrayon zur Blüte gelangten kreditgenossenschaftlichen Tätigkeit, die sich an verschiedenen Orten des ersteren anhäufte und im genossenschaftlichen Mittelpnukt des Bankhauses Warschawsky & Comp, konzentrierte, erwies uns zu Beginn der ausgebrochenen europäischen Katastrophe, wie auch bei der weiteren Entwicklung der historischen Ereignisse unbestreitbare Dienste. Die durch den Krieg verursachten Verheerungen hätten ohne die Kreditgenossenschaften, diese Festen unserer wirtschaftlichen Volksverteidigung, einen bei weitem furchtbareren Charakter und bei weitem größere Dimensionen angenommen. Dies muß den Aufbauern und Leitern unserer gesellschaftlichen Wirtschaftsinstitutionen zugestanden werden: sie wichen nicht vor dem Andränge der furchtbaren Weltereignisse in kleinmütiger Verzagtheit zurück, sondern hielten in ihren Positionen bis zum äußersten Grade des Möglichen aus. In einer ganzen Anzahl von Fällen erachteten sie es sogar für geboten, die Grenzen ihrer üblichen Kreditoperationen angesichts der in weiten Schichten unserer industriellen Klasse sich epidemisch verbreitenden Arbeitslosigkeit zu überschreiten, und die Vermittelungsfunktionen im Aufsuchen und Organisieren verschiedener Arbeiten für ihre eigenen Mitglieder, wie auch für die arbeitsfähigen Elemente der schon zu jener Zeit aufgetauchten Flüchtlingsmassen zu übernehmen. Laut den Angaben der Jüdischen Kolonisationsgesellschaft nahmen es 43 jüdische Sparkassengenossenschaften auf sich, Stiefel, Halbpelze, Wagenräder und zweirädrige Wagen für das aktive Heer zu liefern und allerhand Schneider¬ und Tischlerarbeiten auszuführen. Nun aber begannen die Folgen der um sich greifenden und sich in die Länge ziehenden Weltkrise sich bemerkbar zu machen: mit dem weiteren Verlaufe der kriegerischen Ereignisse sahen sich unsere wirtschaftlichen Institutionen gezwungen, die Sphäre ihrer Verteidigungstätigkeit mehr und mehr einzuengen. Von allen Seiten um sie herum türmten sich allerhand Hindernisse ökonomischer und politischer Natur auf, die immer näher heranrückten, und die schließlich den völligen Zusammenbruch dieser Institutionen samt den wirtschaftlichen Zentren, deren Schutz ihnen oblag, herbeigeführt haben. Unter diesen Umständen erwies sich die

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