Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1916-12-01 · Heft 9 (Dezember 1916) · p. 640

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 9 (Dezember 1916)
Article
Die Organisation des jüdischen Volkskredits in Russland
Date
1916-12-01
Page
640 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3101111-3101112-8875891-3110579--0895-3110672
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

640 Daten und Materialien Werkzeugen und Materialien zu gewähren. Diese Vorschüsse wurden in manchen Fällen für die Konsolidierung der wirtschaftlichen Lage der Flüchtlinge, in anderen Fällen wiederum für die Versorgung arbeitslos gewordener Handwerker mit Arbeit in genossenschaftlichen oder auch privaten Werkstätten verwendet. Als aber mit dem Erlasse des Zirkulars vom 4. August (1915) die Grenzen der Ansiedlungszone erweitert wurden und das Problem der planmäßigen Verteilung und Unterbringung des Flüchtlingsstromes an den neuen Orten sich vor dem Blicke der jüdischen Gesellschaft in seiner ganzen Größe auftat, trug die vorher erwähnte Hilfsabteilung kräftig dazu bei, ein Netz von Kredit- und Vorschußinstitutionen an den lokalen Hilfskomitees und deren Arbeitssektionen auf dem Wege finanzieller Unterstützung und unter Leitung von Bevollmächtigten teilweise neu zu schaffen, teilweise auch zu erweitern und zu befestigen. Die ausschließliche Rolle, welche die Leiter und Mitarbeiter besagter Abteilung der Arbeitshilfe einem billigen Volkskredit in der Heilung der durch den Krieg der Judenheit geschlagenen Wunden zuschrieb, mußte natürlicherweise die Frage wegen der Errichtung eines Zentralkreditfonds und eines alle Abarten der gesellschaftlichen Kredithilfe in sich vereinigenden Zentralorgans von zugleich geschmeidiger und robuster Beschaffenheit, von zugleich gesellschaftlichem und streng geschäftlichem Charakter, befähigt in alle Furchen unseres gesellschaftlichen Lebens den fruchtbaren Samen eines billigen produktiven Kredits zu senken, in den Vordergrund des Interesses stellen. Die Frage wegen der Organisierung einer zentralen Vorschußkasse, die die Aufgabe hätte, die jüdischen Genossenschaften in ihrer Vermittlungstätigkeit finanziell zu unterstützen, wurde schon seit Beginn des Krieges von der Abteilung für Arbeitshilfe an der Gesellschaft für Ackerbau und Handwerk erhoben, zur Erörterung gebracht und schließlich in einem positiven Sinne entschieden. In zahlreichen Sitzungen derselben Abteilung für Arbeitshilfe und in Beratungen der Mitglieder des Zentralkomitees für Kriegshilfe wurde darauf dieses Projekt zum Gegenstand eingehender Untersuchungen gemacht. Zu gleicher Zeit beschloß der Augustkongreß der jüdischen Hilfskomitees des Jahres 1915» «ine in höchstem Grade symptomatische Resolution, in der sich das seit dem Beginn der Kriegsereignisse immer schärfer werdende Bedürfnis nach einem unabhängigen Zentralorgan widerspiegelt, zur Kenntnis zu nehmen und dem Urkundenmaterial des Kongresses beizufügen. Die Resolution lautet folgendermaßen: „Indem die Beratung der Vertreter der jüdischen Kriegshilfskomitees die Errichtung einer genossenschaftlichen Bank als unbedingt notwendig anerkennt, welche Notwendigkeit angesichts der aus der Frage der Flüchtlingsunterbringung neu erwachsenen Aufgaben ganz besonders nahe gerückt wird, drückt sie den nachdrücklichen Wunsch aus, daß die Initiatoren dieser Sache die energischsten Maßnahmen zur schleunigsten Festlegung und Bestätigung der Statute ergreifen sollen". Die Idee der Schaffung eines Zentralkreditorgans, das die Bestimmung und die Aufgabe hätte, unserer Kreditpolitik bei der Wettmachung der fatalen Folgen des Weltkrieges für die jüdische Gesellschaft die angemessene Richtung zu geben, kann im gegenwärtigen Moment als ein allgemeiner Grundsatz der in der russischen Judenheit einflußreichsten und maßgebendsten gesellschaftlichen Organisationen angesehen werden. Es unterliegt keinem Zweifel, daß die in der Stunde der Gefahr zum Ausdruck gekommene nationale Einigung der russischen Judenheit auf unsere ausländischen und insbesondere amerikanischen Brüder einen günstigen Eindruck ausüben, und sie in den Stand setzen wird, ihrem mehrmalsausgedrückten Wunsch uns beizustehen eine konkrete, greifbare Gestalt zu geben. Diese unsere organisatorische Einigung wird einzig und allein imstande sein, die Kräfte und Hilfsmittel der Weltjudenheit, die durch die uns zuteil gewordenen unerhörten Leiden erschüttert und bereit ist, uns in der Wiederherstellung und Befestigung unserer zerstörten sozialen und nationalen Positionen zu unterstützen, in einer zweckmäßigen Weise behufs Lösung unserer allgemeinen nationalen Aufgaben zu mobilisieren/' Für die Redaktion verantwortlich: Dr. Max Mayer, Berlin-Wilmersdorf, Uhlandstraße iio/in. — Für Österreich-Ungarn: Dr. M. Präger, Wien I, Rotenturmstraße 22. — Verlag von FL Löwit, Berlin und Wien. — Druck von Oscar Brandstetter in Leipzig«

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.