Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1916-12-01 · Heft 9 (Dezember 1916) · p. 635

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 9 (Dezember 1916)
Article
Ein jüdisches Wörterbuch [Rezension]
Date
1916-12-01
Page
635 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
92% known words query
IRI
…/3101111-3101112-8875891-3110577--0888-3110667
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Bücherschau 635 es auch Ausnahmen: Zeitungen, die mit großem Eifer und Geschick auf eine schöne Sprache hinarbeiten (Der „Fränd", die Petersburger „Cät", das auch jetzt erscheinende „Lodzer folksblat"). Auf die Orthographie hatte die neue Zeit nur insofern einen Einfluß, als der „Franc!" zuerst die neue vereinfachte deutsche Orthographie übernahm und einige ihm logisch gefallenden, phonetisch aber bedeutungslosen Neuerungen einführte. Viele Zeitschriften und Schriftsteller haben diese Orthographie übernommen. Die "wissenschaftliche, phonetisch begründete Rechtschreibung Borochows, deren Kritik nicht hierher gehört, ist noch zu jung, um Verbreitung gefunden zu haben. Der Einfluß der dritten Erscheinung — der Assimilation — auf die Sprache ist nicht bedeutend. In den Ortschaften, wo sie stärker einsetzte, brachte sie russische, englische usw. Wörter in die Sprache hinein. Diese Provinzialismen haben aber nie eine interlokale Bedeutung erlangen können. Sie gehören ebensowenig in die jüdische Sprache, wie die Anglizismen der Deutsch-Amerikaner in die deutsche. Wie hat sich Strack dieser Mannigfaltigkeit gegenüber verhalten? Wir Wollen vier Punkte kritisch betrachten: den Wortschatz, die Übersetzungen, die Rechtschreibung und die Buchstaben. Den Wortschatz hat Strack den Zeitungen und einigen Autoren entnommen. Er hat bewußt auf Anglizismen verzichtet, die, worin wir ihm völlig recht geben, „keine Zierde für die jüdische Sprache* * (Einleitung S. XV) seien. Ferner sind auch die mit den deutschen übereinstimmenden Wörter weggelassen. Diese Beschränkung sollte aber viel rigoroser durchgeführt werden. Journalistische Germanismen, wie Einfluß, Umstand, Eindruck, Aufsatz, könnten Heber fortbleiben. Sie sind auch keine Zierde für die jüdische Sprache. Andere, mit deutschen gleichklingende Wörter sind Wegen ihres abweichenden Plurals u. ähnl. gebracht worden. Die slawischen Provinzialismen wie Ocered, Ystaw, trebowen, Pokypke usw. sind, so unschön sie für ein jüdisches Ohr auch klingen, zu rechtfertigen. Denn unsere besten Schriftsteller bringen sie zuweilen in der Rede des Volkes, und es ist nötig, sie dem Leser verständlich zu machen. Nur wäre es angebracht, solche Wörter ausdrücklich als Provinzialismen zu bezeichnen, wie auch „ Ymstand"und „Betracht", „Absyrd"und„Dewiz" als journalistische Nachlässigkeiten. Zu den hebräischen Wörtern ist schließlich zu bemerken, daß Strack nur an einzelnen Stellen ihre abweichende Aussprache im Jüdischen berücksichtigt, — (so bei sabes m.), oft aber vernachlässigt, — Z. B. schreibt er das Wort — chejder nach hebräischer Art — cheder, anstatt ^\ — lküWed schreibt er — lichwod u, a. m. Die Übersetzung ist auf Schritt und Tritt ungenau. Einige Proben gleich vom Anfang: anit (sonst, widrigenfalls) ist übersetzt wenn nicht, üpgüln (abrasieren) — abscheren das Haupthaar, ojb (falls) Wenn ob, ynterflien (heranfliegen, kurz auffliegen) — dicht über der Erde fliegen, ojrech (Gast) — Durchwanderer. So gehts durchs ganze Buch. Oft (wie bei ojrech, ist Strack von der Bedeutung des betreffenden Wortes im Hebräischen beeinflußt. Andere Fehler lassen auf falsche Information durch deutsche Juden schließen. So lejnen „lesen, besonders Thora und das Buch Esther". Das Wort 1 a i e n e n hat bei den deutschen Juden, die kein Jüdisch sprechen, tatsächlich diese Bedeutung; im Jüdischen bedeutet aber lejnen einfach lesen ohne Rücksicht auf den Stoff. Ein anderes spezifisch deutsch-jüdisches Wort finden wir im Strackschen Wörterbuch: „sem hakojdes — der für religiöseZwecke gebrauchte „heiligeName", wie mojse für Moritz". Weder der Ausdruck, noch die Sitte ist hier ostjüdisch. Doppelte Buchführung setzt doch höhere Kultur voraus. Wieder andere Fehler sind Ungenauigkeiten, z. T. recht erheblich. So ist das Adjektiv nebach (der Ärmste, Unglückswurm; ruthenisch nebohi) mit dem Adverb leider übersetzt. Strackwählt nicht zwischen der maskilischen und der neueren Rechtschreibung, sondern bringt beide Schreibweisen nebeneinander. Das ist sehr richtig; dadurch ermöglicht er dem des Jüdischen unkundigen Leser, sich in jedem Wort zurechtzufinden. Die älteste Schreibweise ist nicht berücksichtigt worden: vielleicht weil Strack nur Zeitungen und neuere Verfasser benutzte, nicht die noch heute in der alten Rechtschreibung gedruckten frommen Bücher und Volksgeschichten. Die Aussprache vermochte Strack nicht anzugeben. Er sagt (Einl. S. XII): „Die Umschreibung der meisten jüdischen Wörter (außer den Stichwörtern) (?) in dem folgenden Buche soll nicht die Aussprache anzeigen, sondern nur die Benutzung erleichtern. Der Leser kann aus ihr sehr leicht ersehen, Wie jedes Wort, gleichviel welcher Abstammung, mit hebräischen Buchstaben geschrieben wird; die Aussprache richtet sich dann nach der in Betracht kommenden Gegend." Da nun aber die jüdischen Buchstaben doch eine Aussprache haben müssen, so bringt und erklärt der Verfasser nicht weniger als drei

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.