Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 9 (Dezember 1916)
- Article
- Ein jüdisches Wörterbuch [Rezension]
- Date
- 1916-12-01
- Page
- 634 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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634 Bücherschau Volksschriften allein gebraucht wird. Sie war an kein festes Prinzip gebunden, rein phonetisch und sehr labil. Man schrieb getrost so, Wie man gesprochen hat, und wenn auch oft genug ein und dasselbe Wort verschieden geschrieben wurde, so war es für den Leser wie für den Schreiber belanglos: die eigentliche Schriftsprache war das Hebräische und das Bißchen „Iwri-täe" sollte sich eben anpassen, so gut es ging. Erst die Maskiii m haben eine eigentliche Rechtschreibung geschaffen. Der deutschen Kultur hold, wollte der Maskil sie mit allen Mitteln der jüdischen Öffentlichkeit beibringen. Der aufklärerische Roman sollte die Juden zur deutschen Sprache und dadurch auch zum Europäertum erziehen. Ihre neuen Gedanken konnten sie auf keine bessere Art in die Tiefen des Volkes bringen, als durch den Roman, durch Kolportage. Diese Literatur im Jüdischen hat bei den Maskiii m ihren Anfang und hat für das jüdische Wort ganz neue Leserkreise erobert: die breiten Massen der „Amharazim", denen die heilige Sprache unbekannt war, vor allem die Frauen. Die Sprache eines großen Teiles dieser Romane war ausgesucht „teitschmensch". Wo es nur ging, ersetzte der Maskil das jüdische Wort durch ein deutsches, dessen jüdische Bedeutung oft in Klammern beigefügt war. Zuletzt entlehnte man dem Deutschen auch die Orthographie. Die deutschen Juden haben schon vorher deutsch mit hebräischen Buchstaben geschrieben; die Leistung der Maskilim bestand also in der Übernahme der rein vokalischen Bedeutung des Alef, des Jyd, des Wüw und des Ajin und in der dazugehörigen Umschreibung der im Deutschen langen Vokale durch ie, ih, eh usw. Daneben wurden die jüdischen Vokale und Diphthonge mit denselben Buchstaben umschrieben, wie man die entsprechenden Klänge der verwandten deutschen Wörter zu schreiben pflegte. Der Einfluß der maskilischen Literatur war literarisch und philologisch in drei Richtungen lebendig geblieben: erstens — eine wichtige Kulturtat — schufen sie erst den jüdischen Leser und waren lange Zeit die einzigen Produzenten des „jiddischen* * Büchermarktes. Zweitens brachten die Maskilim eine Reihe neuer deutscher Wörter — den neuen Gedanken ihrer Literatur entsprechend — tatsächlich in die jüdische Volkssprache hinein, so Liebe (für libsaft), Geliebter. Drittens hinterließen sie der jüdischen Presse die „teitschmerische" Orthographie. Diese hatte ja ihre Nachteile: es ist nicht gut, daß ein litauischer Jude das uj in fruj und das ej in kejfen mit gleichen Zeichen schreibt, nur weil im Deutschen in beiden Fällen ein au steht: daß tajer, tin und tir mit einem Hej geschrieben waren, dem damaligen deutschen theuer, Thür und thun zu¬ Hebe. Aber der große Fortschritt der maskilischen Rechtschreibung war, daß sie ein System brachte. Eine zweite große Umwälzung der Sprache und Schrift brachte in der neuesten Zeit die tatsächliche Europäisierung der Juden mit sich. Die wachsende Breteiligung de jüdischen Massen am internationalen Wirtschaftsleben, hauptsächlich aber das junge jüdische Proletariat und seine Organisationsbestrebungen schufen Bedürfnisse, die zu befriedigen die aristokratischen Maskilim nicht berufen waren. In den Dienst des Volkes trat der demokratische moderne Durchschnittsintelligenzler. Seine Wichtigste Aufgabe war zuerst die Technik des modernen Verkehrs auf den jüdischen Boden zu pflanzen; wie die Zeitungen, die Arbeiterorganisationen, so wurde auch die Terminologie fremden Mustern nachgeahmt. Wie immer, so kamen auch hier neue Ideen und Lebensformen zuerst mit dem sprachlichen Stempel ihrer fremden Abstammung. Der verwandten deutschen Sprache mit ihrer hohen Ausbildung gerade für das soziale Wesen wurden wohl die meisten Neologismen entlehnt. So kam im breiten Strom das „Teitschmerische" ins Jüdische herein. Man gründete einen „Bund" und viele „Vereine", man berief „Versammlungen", man „nahm in Betracht", man „hatte Eindruck", man „gratulierte", eine Zeitschrift „erschien" und hatte einen „Einfluß" usw. Alle diese Wörter durchsetzten die junge jüdische Presse und die neuentstandenen europäisierten Klassen des Volkes, insbesondere die organisierten Arbeiter haben sie mit derselben Selbstverständlichkeit übernommen und als billige Scheidemünze dem Wortschatz angegliedert, wie auch die andern intelligenzlerischen Fremdwörter: Organisation, Kooperation, Sozialismus, Bourgeoisie___ Man bedurfte ihrer für die neuen Begriffe. Man soll die Stifter dieser Fremdwörterei nicht unrecht beurteilen: sie brachten ihrem Volk nur die entliehenen Ideen: diese kamen aber zuerst mit der Terminologie, in die sie gekleidet waren. Ähnlich ist ja auch der Einzug des Französischen in die deutsche Sprache. Heute ist die Reinigung der Sprache gut in die Wege geleitet, das sprachliche Gewissen ist geweckt. Ein gewaltiger Ansatz dazu war der Pinkes (1913) und die Prilutzkischen Sammelbücher (von 1912 ab). Wenn die periodische Presse auch teitschmerisch genug ist, so gab