Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 9 (Dezember 1916)
- Article
- Ein jüdisches Wörterbuch [Rezension]
- Date
- 1916-12-01
- Page
- 636 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
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636 Bücherschau Alphabete: das jüdische, das hebräische und das polnische. Letzteres ist nur angeführt, um zu zeigen, wie die polnischen Laute im Jüdischen transkribiert werden. Das ist aber ganz überflüssig und die Anleitung dazu voreilig: nur der Klang ist hier, wie in allen anderen — z. B. englischen — Fremdwörtern maßgebend. Auch die Unterscheidung des hebräischen und jüdischen Alphabets ist kaum geboten. Es sind doch dieselben Buchstaben, und es würde genügen, in einer Anmerkung zu sagen, daß einige von ihnen in Wörtern hebräischer Abstammung abweichend gebraucht werden. Vor allem aber hat der Ostjude für die Buchstaben und Zeichen beider Sprachen dieselben Benennungen und diese sind nicht die sephardischen Namen Beth, Wäw, Heth, Teth, Jod, Kaph, Nun, Zäde, Köph, Tau Kamez, Hölem, Kibbuz usw., sondern bejs (und wejs), Wüw, ches, tes, jyd, küf, nyn, cadik, kyf, sow (und tow), chojlem, kibyc usw.*) Die Aussprache des Hebräischen ist ja auch ohnedies überall an die der sonst gepflegten Laute angelehnt; werden aber noch dazu einzelne Wörter aus dem Hebräischen ins Jüdische entlehnt, so verändern sie sich oft noch, assimilieren sich vollständig an die gewohnten Klänge: aus cheder wird chejder, aus sacharis sachris. Dadurch bleibt die Aussprache dieser Wörter im hebräischen Text unberührt. Wir Wollen also das hebräische Alphabet ebenso wie das polnische ganz beiseite lassen und nur beiläufig bemerken, daß das D ohne Düges W gelesen und Wejs genannt wird, daß das ch gleich klingt, ob es mit Ches oder Küf und das s, — ob es mit einem Samech, Sow oder Sin geschrieben wird. Dieselbe Bemerkung gilt auch für das jüdische Alphabet. Der größte und der einzige Unterschied zwischen dem jüdischen und dem hebräischen Alphabet ist der, daß im Jüdischen das Alef, Wüw, Jyd und Ajin ausgesprochene Vokale geworden sind. Es ist ein Irrtum, daß das Ajin ein „im Deutschen fehlender semitischer Kehllaut ist*' (Einl. S. IV.)**) Es kann in nichthebräischen Wörtern nur e bedeuten. *) Hier wie überall in diesem Artikel habe ich zur Transkription des Jüdischen im wesentlichen S. Birnbaum gefolgt (Die Freistatt, I, S. 588 ff.). Mehr darüber soll ein demnächst erscheinender Aufsatz von mir enthalten. **) Es kann nicht genügend betont werden, daß Jüdisch eine deutsche Sprache ist. Dies betonten auch alle gründlicheren Kenner, wie Borochow, Gerzon, Saineanu, während Verfasser mit weniger tiefen Kenntnissen, Wie Wagenseil (Belehrung der jüdisch-teutschen Les- und Schreibart) und Wundt (Die Sprache Man kann nicht verstehen, nach Welchem Prinzip Strack das Jüdische umschreibt. Hebräische Wörter erhalten bei ihm ihre sephardische Aussprache und Betonung. Deutsche werden entweder nach deutscher Art oder ganz nach Gutdünken umschrieben. Das ist schade. Denn dadurch wird das Wörterbuch für den mündlichen Verkehr — besonders in Polen, welches Strack doch insbesondere berücksichtigen wollte, wertlos. Wie kann ein Warschauer Jude den Satz „er lauft arum un zucht sein ripp" verstehen, wie ihn Strack (Einl. S. V, Leseübung) lehrt? Bei ihm würde es doch „er lojft ariem in siecht saan rip" heißen. Laute wie au und ü usw. legt auch Strack dem Ostjuden in den Mund, Es muß dies nun einmal in jeder hierzulande erscheinenden Arbeit über das Jüdische geschehen! Auf die grammatischen Fehler (wie die ganz falsche Behauptung, daß a in „a dank" (einen Dank) oder in ah er (hierher) sei eine Vorschlagsilbe), will ich ebensowenig eingehen, wie auf die völlig unverständliche Behauptung, die deutschen Endungen der slawischenStämme erhielten im Jüdischen die Betonung u. a. m. Alles in allem: wir haben ein Buch vor uns, das viel Mühe gekostet hat und eine wichtige Lücke ausfüllen soll. Es bietet das heute einzige Mittel, dem deutschen Leser die jüdischen Zeitungen und Bücher verständlich zu machen. Es wird auch sicher seine Leser finden. In der zweiten Auflage — denn eine solche kann man dem Strackschen Buche aufrichtig wünschen — müssen aber die zahlreichen Mängel der ersten beseitigt werden. Es muß auch die Aussprache angeben, eventuell in einer Einleitung kurz erklären; die Übersetzungen genauer fassen; Provinzialismen und journalistische Barbarismen (besonders die Germanismen) ausdrücklich als solche kennzeichnen; das Alphabet und die hebräischen Wörter ihrem heutigen jüdischen Gebrauch, nicht der sephardischen Aussprache entsprechend bringen. Erst dann v/ird das Wörterbuch seiner Aufgabe voll genügen können. Ein wichtiger Markstein in der Geschichte des Verhaltens des Westens zur jüdischen Sprache, zu unserem Volkstum ist aber dieses Buch schon heute. Isaak Spielrein Nachbemerkung Der vorstehenden Besprechung lassen wir eine unabhängig von ihr geschriebene Einsendung des Verfassers folgen. In Sachen meines „Jüdischen Wörterbuches" seien mir hier einige Bemerkungen gestattet, 2. Aufl. 1,1, 396) gern den großen Einfluß des Hebräischen überschätzen.