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Der Jude · 1916-12-01 · Heft 9 (Dezember 1916) · p. 633

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 9 (Dezember 1916)
Article
Ein jüdisches Wörterbuch [Rezension]
Date
1916-12-01
Page
633 (sequence 1)
Language
German
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BUCHERSCHAU Ein jüdisches Wörterbuch (H. L. Strack, Jüdisches Wörterbuch, mit besonderer Berücksichtigung der in Polen üblichen Ausdrücke. Leipzig, Hinrichs 1916) Ein lohnender Gegenstand hat in Strack seinen Bearbeiter gefunden. Hilflos und ohne Verständnis stand der Westjude der jüdischen Sprache gegenüber. Weil man keine Grammatiken und Wörterbücher dieser Sprache kannte, leugnete man ihr jedes Recht auf Existenz, ja ihr Dasein selbst wurde geleugnet; weil man sie nicht verstand, fand man sie lächerlich, höchstens gut für abgeschmackte jüdische Witze und alberne Parodien; weil man in der „europäischen Kultur" keinen Platz für sie wußte, hat man sich ihrer geschämt und damit stolziert, daß man sie nicht kannte; weil sie dem Deutschen verwandt ist, betrachtete man sie als Assimilationsfaktor. In letzter Zeit wurde das anders. Wie eine Offenbarung ist es dem Westjuden gekommen, daß % seines Volkes in jüdischer Sprache denken und reden, daß in dieser Sprache eine jüdische Kultur lebt — das hat man zu oft übersehen, als man die jüdische Kultur erst erschaffen wollte. Überall — in Rußland wie in Deutschland fühlt sich der nationale Westjude*) einem Volke gegenübergestellt, dem er fremd — und dessen Sohn er doch ist. Man wollte das Volk führen — und man ist zur Einsicht genötigt, daß man erst zum Volke zurückkehren, vom Volke lernen muß. Wie auf allen Gebieten, so auch auf dem sprachlichen, ist das sich Hineinarbeiten in das Volk für einen Entfremdeten keine leichte Aufgabe. Man kennt keine Quellen, man hat keinen Ratgeber, die verstreute Literatur über die jüdische Sprache ist nur in dem (501 Titel enthaltenden) bibliographischen Anhang Boro- *) „Westjude" ist keine geographische, sondern eine soziologische Kategorie. Diese entwurzelten, im fremden Volkstum aufgehenden „Europäer" des Judentums sind zwar zuerst im Westen aufgekommen, sind aber jetzt nur zu zahlreich auch in Polen und im übrigen Rußland zu finden. choWs zum Wilnaer Pinkes annähernd zusammengefaßt, also nur einem des Jüdischen Kundigen zugänglich. Stracks Wörterbuch und das angekündigte Lesebuch sind also eines großen Leserkreises sicher — besonders Wenn man noch die deutschen Verwaltungsbeamten und die nach einem Mittel zur Verständigung mit den deutschen Truppen und Kaufleuten suchenden Ostjuden berücksichtigt. Stracks Arbeit mußte bedeutende Schwierigkeiten überwinden. Es ist ein Leichtes, ein Wörterbuch einer philologisch gut durchforschten, durch einen Ballast von hunderttausenden Druckschriften stabilisierten Sprache zu kompilieren. Viele Vorarbeiter haben das Material sortiert, der Wortschatz ist allgemein anerkannt, ebenso die Aussprache, eine feste Rechtschreibung hilft über alle Zweifel. Anders im Jüdischen. Für den Wortschatz hat man außer den wenigen jüdisch-englischen Wörterbüchern fast keine Unterlagen. Es ist für einen, der kein Jüdisch spricht, außerordentlich schwer, Provinzialismen, veraltete Ausdrücke, Modewörter, journalistische und intelligenzlerische Falschbildungen zu erkennen. Der Wortstamm der Sprache ist noch nicht mit genügender Vollständigkeit festgestellt. Eine weitere Schwierigkeit bildet für ein jüdisches Wörterbuch die Rechtschreibung. Man muß sich für die eine oder die andere Orthographie entscheiden und schließlich auch die Aussprache angeben. Ungefähr jedes zweite Wort im Jüdischen hat aber eine doppelte Aussprache — je nach der Gegend: ssejfer und ssajfer, buch und bich, tojre und tejre. Drei Strömungen im Judentum haben es in letzter Zeit vermocht, den Wortschatz und die Rechtschreibung des Jüdischen zu beeinflussen: die Hasküle, die neuzeitige Umschichtung der Ostjudenheit und die Assimilation. Ich möchte diesen Einfluß kurz skizzieren. Bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts War im Jüdischen eine im wesentlichen einheitliche Orthographie herrschend, die noch heute in den frommen Büchern und in sehr vielen

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