Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 9 (Dezember 1916)
- Article
- Jüdische Volkslieder
- Date
- 1916-12-01
- Page
- 629 (sequence 7)
- Language
- German
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Jüdische Volkslieder 629 das Blatt, und die Sonne wird dich aufwecken. Wer stände dir auch näher, du Gottesgeschöpf, als das Bäumchen, als der Sonnenschein. — Wir wissen genau, sie wird zu ihm nicht hinaus gehen. Auf dem Meere bläst ein Wind. Afn Jam blost a Wind, Die Wellen thuen sich schlogen; Ach, lieb hob ich dich grünt Vun Herzen un kenn keinem sogen. Sog-sche mir, Duschinke, liebstu nur mir, Oder liebstu nur Tponim? Denn du host mir opgekeilet, Asei wie ain Kite Gaslonim! As a Gasion keilet doch, Keilet er mit a Messer; Ober du host mir, Duschinke, opgekeilet Viel gringer un viel besser. Du host mir geschlossen die Händ un die Un mir gelosen schwimmen; [Fiß Ach, wieviel Mauern well ich noch zubrechen, Ober zu dir well ich noch kummen! Ich hob gepflanzt ain Waingorten, Der Waingorten is mir nicht geroten; Ich hob verspielt maine junge Johren, Asai wie a Kartesnik in Korten! Ich hob gehobt a Mauer, Der Mauer hot gehat zwelf Fenster; Un wieviel Schiduchim mi hot mir geredt, Bistu bei mir der schenster! (Übertragung:) Auf dem Meere bläst ein Wind, Im Winde die Wellen sich schlagen, Ach, lieb hab ich dich von Herzensgrund, Und kann es keinem sagen. Sag mir nur, Seelchen, liebst du mich, Oder zum Scheine nur, mir zur Schande, Denn du hast mich abgeschlachtet, Wie eine Räuberbande. Wenn ein Räuber schlachten will, Schlachtet er mit dem Messer, Und du, mein Seelchen, hast mich ge- Viel leichter und viel besser, [schlachtet Du hast mir geschlossen die Hände und Füße, Und so bin ich geschwommen, Ach, wieviel Mauern werd ich zerbrechen, Aber zu dir werde ich kommen. Einen Weingarten habe ich gepflanzt, Nicht geraten ist mir der Garten, Ich habe verspielt meine jungen Jahre, Wie ein Verbrecher in Karten. Eine Mauer hab ich gehabt, Die Mauer hatte zwölf Fenster, Zu vielen Männern beredet man mich, Du aber bist mein Schönster. r Ginsburg und Marek, Nr. 143. — Die rasende Liebe eines Mädchens wird geschildert, — und das Lied beginnt elementar, wie oft, mit einem Naturbild, aber wie immer wieder, nicht mit einem wirklich gesehenen, sondern nur mit einem symbolischen, mit einem Vergleich: Auf dem Meere bläst ein Wind, die Wellen tun sich schlagen, — so ist unsere Liebe, so ist meine Liebe, —- das ruft das wahnsinnige Mädchen dem Liebsten zu, der kalt ist, oder der ihrer Gewalt nicht standhält. Wir sehen das Paar in einem dunklen Zimmer auf dem Rande eines zerwühlten Bettes sitzen, und sie redet in ihn hinein und möchte ihn am liebsten erwürgen, ihn, der sie selber doch tot gemacht hat wie eine Räuberbande. „Sag mir, Seelchen, sag mir: