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Der Jude · 1916-12-01 · Heft 9 (Dezember 1916) · p. 630

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 9 (Dezember 1916)
Article
Jüdische Volkslieder
Date
1916-12-01
Page
630 (sequence 8)
Language
German
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630 Martin Buber: Chassidisches liebst du mich wahrhaftig, oder nur zum Spott? Aber rede dir nicht ein, daß ich von dir lassen werde. „Ach, wieviel Mauern werde ich noch zerbrechen, aber zu dir werde ich noch kommen". Welch eine Prosa in diesem „noch"! „Du Schwächling, hast mir Hände und Füße geschlossen, verspielt habe ich meine Jugend, wie ein Verbrecher seinen letzten Pfennig", —und mitten in dieser Wut beginnt sie vom Weingarten zu singen, vom ungeratenen, sie, die Tochter des Hoheliedes, Aber wie schließt sie? In Zorn und Verzückung schließt sie: zu vielen Männern haben sie mich bereden wollen, — du aber, du niederträchtiger Feigling, bist doch mein Allerschönster. — Viel Musik ist in diesem Stücke. Kein Volk der Welt weist diesen elementaren Zug im Liebeslied auf. Diesen Liedern glaubt man ihren Augenblick, das hat wirklich Volk gemacht, kein Dichter, keine Dichterin. Und so kommt hier auch niemals, wie sehr oft z. B. in den deutschen Volksliedern („Und der dies Liedlein erdacht" . . .) eine kokette Bemerkung über den Verfasser des Liedes vor. Das Lied ist hier vielmehr ein Ausdruck des Schicksals und der Not. Daher die Vernachlässigung des Formalen. Das Temperament läßt so viele wichtige Wörtchen sich einschieben, so viele Verlängerungen der Zeilen entstehen, daß die Lieder zumeist im feineren, im echt lyrischen Sinne ungestaltet erscheinen müssen. Das eine Volk hat eben das eine Rühmenswerte und das andere ein anderes, so setzt sich der Wert der Welt zusammen. —• Was das übrigens für ungeheuerliche Mädchen sind, diese Jüdinnen, die solche Lieder verfassen, die solche Lieder mit großem Vergnügen bei der Handarbeit und beim Werktisch singen! Das sind Kinder der Wüste und Kinder aus Königshäusern, selbst Prinzessinnen und Königinnen, deren Krone die Liebe ist. Berlin Arno Nadel CHASSIDISCHES Verbannung und Erlösung Die Verbannung Israels ist nichts anderes als eine Selbstverbannung, denn sie sind versunken im Gelüste und so herrscht die böse Gewalt über sie. Daher ist auch die Erlösung nichts anderes als eine Selbsterlösung: wenn sie sich befreien und das Gelüste zwingen und aus dem Bann des Bösen treten, ist sogleich die Gewalt der Machthaber gebrochen. Einst und heute Gott begehrt, daß die freie Wahl sei; darum hat er bis heute gewartet. Denn einst war Gesetz und Gericht in Israel, und wer sich verging, den suchte die Strafe heim. Heute aber tut jeder das Böse offen und ohne Scham, und es ergeht ihm wohl. Darum, die heute sich bewahren, bringen die Erlösung herbei. Deutsch von Martin Buber

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