Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 9 (Dezember 1916)
- Article
- Jüdische Volkslieder
- Date
- 1916-12-01
- Page
- 628 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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628 Arno Nadel: Klipp klapp! Klipp klapp! Effen mir! Schlofstu to sog-sche mir! Schiofen schlof ich afile nit, Nor effenen well ich dir awadde nit! Klipp klapp in golden Thir, Maine Liebe, effen mir! Klappen, klappen sollstu nit, Effenen well ich dir nit! Ss'ar a Wint es weht, ss'ar a Regen es geht, Ch'well ainnetzen main Saiden Klaid. Die Saiden Klaid westu ufhaiben, Untern Baimeie aweklaigen. Mit wos soll ich sich zudecken, Un wer wet doch mir ufwecken? Der Blatt vun Boim wet dir zudecken, Der Strahl vun Sun wet dir ufwecken. (Übertragung:) Klipp klapp, öffne mir, Schläfst du schon, so sag es mir. Schlafen, schlaf ich freilich nicht, Aber öffnen werd ich dir grade nicht. Klipp klapp! die goldne Tür, Meine Liebe, öffne mir. Klopfen, klopfen sollst du nicht, Öffnen werde ich dir nicht. Welch ein Wind weht, welch ein Regen geht, Ich werd* einnetzen mein seiden Kleid. Dein seiden Kleid wirst du aufheben, Unters Bäumchen wirst du dich hinlegen. Womit soll ich mich zudecken, Und wer wird mich aufwecken? Das Blatt vom Baum wird dich zudecken, Der Sonnenstrahl wird dich aufwecken. Nach I.Engel („Jüdische Volkslieder", Petersburg 1912). Zusammengestellt aus Ginsburg und Marek, Nr. 136/137. Ebenfalls ein ganz süßes einziges Liedchen. Die ersten zwei Verse der dritten Strophe spricht das Mädchen, und der Liebende antwortet mit den Beiden nächstfolgenden Zeilen, —1 anders also als in den beiden ersten Strophen, in denen der Liebende beginnt, wodurch die Situation ein wenig verwirrt wird. Das Entzückende an diesem Liedchen ist seine ganz seltene Zartheit und Reinheit. Das ist wirklich einmal der liebende Jüngling, der vor der goldenen Türe der Liebsten steht. Wie er nervös zitternd mitten in der Nacht anklopft: Schläfst du Liebchen, so sag es mir, — als wenn er dann fortgehen wollte. Wie könnte sie schlafen! Und sie sagt das so ungemein lieb, daß er es ja wisse: Schlafen, schlaf ich „awadde" (ganz gewiß) nicht, — aber öffnen, mein Engel, — wo denkst du hin! Und nun kommen die süßen Ausreden: Welch ein Wind weht, welch ein Regen geht, wie könnte ich zu dir hinaus, —> daß er zu ihr hereinkommen dürfte, davon ist gar nicht erst die Rede — ich werde ja mein seidenes Kleid einnetzen, das solltest du doch eigentlich wissen. Und er weiß es wahrhaftig und tröstet sie: dein seidenes Kleid wirst du aufheben und unters Bäumchen dich hinlegen. Aber, du Närrchen, du liebes, entgegnet ihm das Mädchen, du hast gut reden, ich soll mich unters Bäumchen hinlegen. Was ist damit schon getan? Womit soll ich mich denn zudecken? Da soll ich wohl so mir nichts dir nichts unter dem Bäumchen liegen und frieren? Und am Morgen erst, wer wird mich da aufdecken? Ach, er hat Angst, der Glückselige, der Unglückselige, er hat ja Angst, ihr zu sagen, daß sie schon nicht erfrieren wird und daß sie nicht verschlafen wird, wie soll er ihr das sagen? Das Blatt vom Baum wird dich zudecken, natürlich,