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Der Jude · 1916-12-01 · Heft 9 (Dezember 1916) · p. 627

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 9 (Dezember 1916)
Article
Jüdische Volkslieder
Date
1916-12-01
Page
627 (sequence 5)
Language
German
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Jüdische Volkslieder 627 Versklang und die Sprache sind Eines, aber der Inhalt, — und der ist ja das Wesentliche und im Grunde die echte, nämlich die innre Form — ist eigen, ist jüdisch. Das deutsche Volkslied ist immer sinnlich und auschaulich. Ach, ihr Berg und tiefe tiefe Tal, Seh ich meinen Schatz zum letzten Mal? Die Sonne, der Mond, das ganze Firmament, Sie sollen mit mir traurig sein bis an mein End. Diese Trauer hat sofort eine Beziehung zur Natur: Berg und Tal, Sonne, Mond und Himmel, alles wird angerufen, die Klage der Liebenden zu vernehmen, alle Naturdinge, der ganze sichtbare Stoff wird in diesen kurzen Zeilen wahrgenommen. Das jüdische Lied aber hat überall etwas Verallgemeinerndes. Die Wegsleut zum Beispiel sind keine Wanderer, die irgend einen bestimmten Weg gehen, es sind schlechthin die Wegsleut, —die Menschen, die alle Wege gehen. Und obgleich wir vorunsern Augen Chausseen und Felder sehen, so sind doch diese Wegsleut zugleich die Menschen der Städte, die immer rennen und rennen, bis ihnen die Füße müde werden. Und welch ein sonderbar hastender Takt ist in der siebenten Strophe! Nehmen wir uns einmal so einen „jiddischen" Vers vor und untersuchen wir ihn ins Einzelne: Hoben sich die Wegsleut zu losen laufen in alle vier Seiten, —• das heißt also: Haben sich die Wegsleut zu lassen laufen in alle vier Seiten. Man denke, welch eine Unrast in diesem Deutsch! Das ist ja gar nicht das Deutsch des 12. und 13. Jahrhunderts, wie es etwa sein soll, das ist schon damals ein Judendeutsch gewesen, — schon damals, als die Juden anfingen, in der ihnen gemäßesten Sprache der andern Völker zu singen, haben sie diese Sprache im Nu auch schon verwandelt und daraus eine Judensprache, eine halb orientalische Sprache gemacht, die sie nun in ihren heutigen Ghettos noch immer mit sich herumtragen, —■ weil sie so ganz anders ist als Deutsch, weil sie eben: Jiddisch ist. Haben sich die Wegsleut zu lassen laufen, —• man sieht, wie sie, als wären sie besessen, plötzlich zu laufen beginnen, ohne Art, ohne Konvenienz. Das „zu" in „zu lassen" ist fremd und eigen, der ganze Satz ist aus dem Geleis: die Wegsleut (schon dieses sonderbare kurze Wort ist wahrscheinlich nur bei den Juden zu finden, so deutsch es auch klingen mag) haben sich zu laufen lassen, —1 das sind wahrhaftige lustige Wegsleut, wie aus dem Traum hergeschneit. Aber um was handelt es sich auch! Um eine Verlassene, deren Seele die unbarmherzige Untreue empfindet. Da finden ihn denn auch endlich die Wegsleut, sie finden, wie das süße Leben, jener unverschämte Bursche, „sich gar von weitem steht". Wie er „sich" egoistisch dasteht, das sagt eben dieses „Sich" und das nächstfolgende Wörtchen „Gar". Steht doch gar dieser Kerl von weitem und hat nichts Besseres zu tun, als an sich zu denken, — das liegt in diesem Jargonvers. Wie soll das übersetzt werden! Und echt jüdisch ist auch der Anruf: 0 du Mensch, du närrischer Mensch. Sieht man da nicht die alten erfahrenen Männer die Häupter schütteln, ihm ins Gewissen reden? Zwar begießt er sich mit Tränen und läßt sein Liebchen schön grüßen, aber: er wird nicht, er kann nicht wiederkehren, die Krone von der Liebsten Haupt wird fortgenommen, sie, die vorher in Wonne strahlte, wird nun in Schwarz sich hüllen, — so ist die Welt, so richtig, so prosaisch-unruhig spiegelt sie sich im originellen jüdischen Volkslied wieder. 44*

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