Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 9 (Dezember 1916)
- Article
- Jüdische Volkslieder
- Date
- 1916-12-01
- Page
- 625 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdische Volkslieder 625 logik den Sinn der Sache in Klang und Wesenheit genau wiedergibt: Ester steht unter dem Palast und schaut aus. Da geht einer vorbei, der ihr zum Bräutigam nicht übel paßte, — wie der Erzvater Abraham strahlt er in ihre Seele. Ach, wie gern würde sie ihn haben, diesen Prachtjungen, der da eben unter ihrem Fenster vorüberspaziert! Was möchte sie nicht alles am liebsten: ihm zuwinken, ihm zutrinken, mit Pferd und Wagen ihm nachjagen, mit Geld ihn abkaufen. Schlecht und prosaisch ist, was wir hier erzählen, hübsch aber und symbolisch ist das Liedchen selber. Mein süßes Leben fährt dahin. Main siss-Leben fort awek, Un ich blaib allein; Wenn ich dermohn sich on main siss- Sitz ich nur un wein. [Leben, Main siss-Leben awekgefohren, Un ich bin allein geblieben; Wollt ich wissen wu er is, Wollt ich ihm a Briew'l geschrieben. Wollt ich gewen a Veigele, Wollt ich zu ihm gefleigen; Nichai wollt er auch gesehen Maine varweinte Eigen! Wollt ich gehat a Fligele, Wollt ich zu ihm gefleigen Un leben ihm gegessen, — Efscher wollt ich ihm ausgestroft, Wos er hot on mir asei vargessen! Wollt ich gewen a Fischele, Wollt ich zu ihm geschwummen; As er wollt wissen main bitter Harz, Wollt er zu mir gekummen. —1 Oi, ihr Wegs-lait, ihr Wegs-lait, Wie wert ihr nit mid auf die Fiß? Tommer wet ihr dersehen main siss- Git ihm op von mir a Gerißl [Leben, Hoben sich die Wegs-lait zulosen leifen, In alle vier Saiten; Hoben sei dersehen as ihr siss-Leben Steiht sich gor vun waiten. Heft 9. (Übertragung:) Mein süßes Leben fährt dahin, Und ich bleib allein. Denk ich zurück an mein süßes Leben, Sitze ich nur und wein. Mein süßes Leben ist fortgefahren, Und ich bin allein geblieben. Möcht wissen, wo er ist, Hätt ich ihm ein Briefchen geschrieben. Würd ich sein ein Vögelein, War ich zu ihm geflogen, Hätt er wenigstens gesehen Meine verweinten Augen. Würd ich haben ein Flügelein, War ich zu ihm geflogen Und neben ihm gesessen. Vielleicht hätt ich ihn ausgescholten, Daß er an mich vergessen. Würd ich sein ein Fischlein klein, Wär ich zu ihm geschwommen, Würd er wissen mein bitter Herz, Wär er zu mir gekommen. O, ihr Wegsleut, ihr Wegsleut, Was wird nicht müd euer Fuß! Vielleicht erblickt ihr mein süßes Leben, Bringt ihm von mir einen Gruß. Fingen die Wegsleut zu laufen an Nach allen vier Seiten, Da erblickten sie, — ihr süßes Leben Steht und sinnt von weitem. 44