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Der Jude · 1916-12-01 · Heft 9 (Dezember 1916) · p. 624

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 9 (Dezember 1916)
Article
Jüdische Volkslieder
Date
1916-12-01
Page
624 (sequence 2)
Language
German
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624 Arno Nadel: Die Lieb* hat sich hinabgesenkt so tief; Von außen sah man nicht, was drinnen schlief. Dahin gesenkt hat sie sich in die Brust, Wohin kein Wein je drang, kein Kummer, keine Lust Von derselben großen Leidenschaft zeugen auch die jüdischen Liebeslieder, nur fehlt ihnen die feine runde Form, wie sie die Liebeslieder der alten und neuen Kulturvölker haben. Dazu sind sie zu explosiv. Sie haben auch nicht die gewohnte blumige Sprache primitiver Völker, sie sind vor allen Dingen: Natur und abermals Natur. Die jüdischen Volkslieder sind auch mehr von Verliebten als von Liebenden. Darum die schmerzlichen, die aufgewühlten Gefühle, die in ihnen vorwalten. Man könnte über sie alle folgendes japanische Liebestanka als Motto setzen: Wer gab der Liebe Den Sondemamen „Liebe"? Er hätte einfach Sie „Sterben" nennen können, Denn Lieben, das ist Sterben. Dafür wird der Psychologe auf andere Weise genügend entschädigt. Und so wollen wir uns die charakterischsten Stücke auf ihre Eigentümlichkeiten hin näher ansehen. Unterm Schloß. Unter'n Schloß, Perehos, Steiht Ester die grine; Ester steiht, der Choss'n geiht, Meint sie — Awrohom-Owinu. Wollt sie wissen, wer dos is, Wollt sie zu ihm winken; Wollt sie hoben a Gläsele Wain, Wollt sie zu ihm trinken. Wollt sie hoben Ferd un Wogen, Wollt sie zu ihm leifen; Wollt sie hoben a Säckele Geld, Wollt sie ihm opkeifen. (Übertragung:) Unterm Schloß Perehos Steht Ester die Grüne und schaut hinüber. Ester steht, der Bräutigam geht, [über. Meint sie — Vater Abraham ginge vor- Würde sie wissen, wer das ist, Würde sie zu ihm winken, Hätte sie ein Gläschen Wein, Würde sie zu ihm trinken. Würde sie haben Pferd und Wagen, Würde sie zu ihm laufen, Hätte sie ein Säckchen Geld, Würde sie ihn sich kaufen. Ginsburg und Marek, Nr. 134. — Perehos ist im Original wahrscheinlich nicht der Name des Schlosses, sondern irgendein russisches Reimwort, vielleicht sogar irgendeins, das nichts bedeutet, welches, echt volksliedhaft, sich hier eingeschoben hat. Auch das nicht gerade schmeichelhafte Attribut der Braut „die Grüne" ist ehestens aus Zufall und Reimlust zu verstehen, — kurz: ein echtes, rechtes Volkslied liegt vor. Dem entspricht auch die Situation, die bei aller entzückenden Un-

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