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Der Jude · 1916-12-01 · Heft 9 (Dezember 1916) · p. 623

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 9 (Dezember 1916)
Article
Jüdische Volkslieder
Date
1916-12-01
Page
623 (sequence 1)
Language
German
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Arno Nadel: Jüdische Volkslieder 623 JÜDISCHE VOLKSLIEDER*) Liebeslieder 1. ährend bei der Untersuchung religiöser Volkslyrik der Unterschied zwischen den Erzeugnissen der verschiedenen Religions- und Völkergruppen recht auffallend ist, — man denke an buddhistische und jüdische Religionslyrik, oder auch schon an christliche und jüdische — ist die Liebeslyrik schon etwas weniger variabel. Die Liebesgefühle sind ursprünglicher, „natürlicher". Selbst die Tiere haben Liebeslieder, aber keine religiösen Lieder; und wenn das Vöglein mit seinem „Ro ro ro" eigentlich „Adir ojaum w'nauro" sagen will (siehe Heft 3 S. 191), so weiß es der Dichter wohl eher und besser als der Vogel. Aber seine Liebe singt der Vogel so traurig und so selig, so fieberhaft und so sehnsüchtig wie der Mensch. Dennoch ist auch zwischen den Liebesliedern der verschiedenen Völker ein genügend auffallender Unterschied. Ist doch der Einzelne auch in der Liebe von den Sitten seiner Umgebung abhängig, und so werden auch alle seine Dinge in Liebesangelegenheiten nicht immer dieselben sein. Schon das rein Gegenständliche, sowohl der Natur wie der WirtschaftsVerhältnisse, gibt jeder Liedergruppe ihr besonderes Gepräge. Der japanische Kaiser Temmu singt vom Gipfel des Mika in Schün-Yoshinu, auf dem Schnee und Regen ohne Pause fallen. Wie dieser Regen ohne Unterlaß fällt, so kommt auch der liebende Kaiser jede Krümmung hin jede Krümmung her, in stete Sehnsuchtsgedanken vertieft, auf jenem Bergpfad daher. Der afghanische Sänger preist die Haarringel seiner Geliebten, die wie Moschusschoten duften; die Samoanerin bittet, daß man sie mit dem Boot von dem unflätigen Häuptling, der sie nach zwei Nächten schon verschmäht, nach Upolu fortbringen möchte, wo sie nur weinen und warten will, und der Indianer fleht sein Mädchen, die Blume des Waldes, den schönen Vogel der Steppe, an, daß sie erwachen möchte, sie, mit dem Auge des Rehes. Niemand aber hat jemals tiefer und metaphysisch anschaulicher von der Liebe gesungen, als jener Araber, — und hier nähern wir uns unserer Gruppe — der dieses Liedchen dichtete: Du spaltetest mein Herz, dann sätest du Drein deine Liebe, und wieder ging es zu. *) In meinem Aufsatz „Jüdische Volkslieder", Heft 7 Seite 477 Zeile 6 soll es heißen: Die Begründung für 5 und 6 (anstatt: für 6 und 7) weiß ich leider nicht anzugeben. Über 8 belehrt mich eine Zuschrift des Herrn Dr. Frenkel aus dem Felde, die darauf hinweist, daß die Totengewandung nichts mit der Kleidung des Hohepriesters zu tun hat, wie ich angenommen habe, sondern daß sie vorschriftsmäßig aus acht Teilen sich zusammensetzt; und von der 5 vermutet Dr. Fr., die Ankläger könnten die fünf Sinne sein. Daß die Tachrichim aus acht Teilen bestehen, weiß ich natürlich auch, nur lag es mir eben an einer Begründung der Zahl Acht. Eine solche wird allerdings kaum möglich sein, — vielmehr wird die Zahl das einfache Ergebnis der rabbinischen Bestimmung sein. Die acht Hauptstücke sind nach dem ,.Maawer Jabok" folgende: Hosen, Gürtel, Hemd, Socken, Kittel (dieser wieder umgürtet), Mütze, eine Umhüllung (Sobeb) und Tallis. — Von den sechs Brettern fällt mir nachträglich ein, daß mindestens sechs Bretter zu jeder Bedeckung gehören, die nach unten, dem Gebrauch entsprechend, geöffnet ist, so daß der Leichnam auf bloßer Erde zu liegen kommt. (In Bürgers „Lenore" hingegen: „Sechs Bretter und zwei Brettchen", weil ein geschlossener Sarg gemeint ist.)

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