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Der Jude · 1916-12-01 · Heft 9 (Dezember 1916) · p. 621

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 9 (Dezember 1916)
Article
Die historischen Voraussetzungen der Judenfrage in Polen
Date
1916-12-01
Page
621 (sequence 4)
Language
German
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Die historischen Voraussetzungen der Judenfrage in Polen 621 vor sich. Es entwickelte sich ein selbständiges polnisches Wirtschaftsleben, gestützt auf zielbewußte Institutionen, die den polnischen Organismus überaus kräftigten. Anderseits entstand auch eine zahlreiche assimilierte jüdische Intelligenz, die sowohl im ökonomischen als auch im kulturellen Leben der polnischen Gesellschaft eine hervorragende Rolle spielte. Allein trotz des allgemein anerkannten politischen Utilitarismus entwickelte sich im raschen Tempo ein tiefeingewurzelter Haß gegen die Juden. Die polnische Presse, die ja dem Assimilationsprozeß mit Sympathie begegnen müßte, begann eben damals ihre Hetzarbeit gegen die Juden. Die „Gazeta Warszawska", mit Leszniowski und Kenig an der Spitze, führte vom Jahre 1857 an einen systematischen Kampf gegen die Juden. Der Antisemitismus in seinen unkulturellsten Erscheinungen hielt seinen Triumphzug durch die polnische Gesellschaft. Nur wenige besonnenere Elemente, deren Blick sich der Zukunft des Volkes zuwandte, warnten vor den antisemitischen Hetzereien. So setzte der Repräsentant der polnischen Demokratie Zabicki, um das polnische Volk von seinem gefährlichen Wege abzubringen, auseinander, die Juden bildeten auf dem polnischen Territorium eine Zweimillionen-Masse, mit der jeder rechnen müsse, denn „sollte es nicht gelingen, sie als Bundesbrüder für sich zu gewinnen, so darf man sie wenigstens nicht zu schädlichen Gegnern machen"*). Auf einem ähnlichen Standpunkt steht auch der seinerzeit berühmte „Dziennik Poznanski"**). Die Warnungsstimmen erreichten nicht den erwünschten Zweck. Die Hetzereien dauern fort. Erst im Jahre 1860, als man in Warschau über die Notwendigkeit des Aufstandes debattierte, änderte sich das Verhältnis zu den Juden. Im Jahre 1861 feierte man auf den Straßen von Warschau, Lodz, Plock und anderen Städten die Verbrüderung der Juden mit den Polen. War ja doch der Aufstand im Anzug, und der Utilitarismus neigte ja zum Philosemitismus. „Wachet auf, eilet, tretet hervor! — wer die Waffe tragen kann, der eile ins Lager, und wer nicht dazu fähig ist, der helfe den kämpfenden Brüdern mit seinem Vermögen und womit er nur kann. Und wenn wir mit Gottes Hilfe das Land von der russischen Knechtschaft befreien und dieses drückende Joch von uns abwerfen werden, werden wir zusammen den Frieden genießen und uns der Früchte unseres fruchtbaren Bodens erfreuen. Ihr und euere Kinder werdet alle Bürgerrechte ohne jegliche Ausnahme und Einschränkung genießen, denn die Nationalregierung wird nicht nach der Abstammung oder Glaubenslehre fragen, sondern nach der Heimat — ob einer Pole sei." Diesen Aufruf erließ die Nationalregierung an die Juden. Allein trotz des Philosemitismus, der den politischen Verhältnissen entstammte, bekundeten die polnischen Aufständer ihren Antisemitismus in vielfachen Angriffen und Verfolgungen der Juden***). Im allgemeinen war der Utilitarismus die Richtschnur für die polnisch-jüdischen Verhältnissef). So wurde nach dem Zusammenbruch des Aufstandes neues *) In der Tageszeitung „Demokrata polski," vom 31./VII. 1858. **) Nr. 59 v. J. 1859. ***) Über die Judenverfolgung seitens der Aufständer siehe die Memoiren J. Koüks: „Meine Sichrojnes." B. I, S. 325. „ . „y. , t) Über die Stellung der Gegner des Aufstandes, deren Vertreter Marquis Wielopolski war, «ur Judenfrage in den Jahren 1860—1863 siehe meine Abhandlung: „Zur Geschichte der Judenfrage in Polen" in der „Zeitschrift für osteuropäische Geschichte" Bd. IV. H. 4. Jg. 1914. s-483—5*2.

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