Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 9 (Dezember 1916)
- Article
- Die historischen Voraussetzungen der Judenfrage in Polen
- Date
- 1916-12-01
- Page
- 620 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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620 N. M. Gelber: wir uns, seinen Ästen exotische Säfte zuzuführen, die bittere Früchte tragen könnten"*). In seiner zweiten Rede sagte Morawski ausführlicher, worum es sich ihm handelte: „Der Pole wird es mit Vergnügen hören, daß er im Kampfe um die Unabhängigkeit der Hilfe anderer Völker nicht bedurfte, aber es würde ihm unangenehm sein, sagen zu müssen, daß er in demselben Kampfe die Hilfe des Volkes Israel nicht entbehren konnte"**). Die Polen fühlten sich damals genügend stark, weil doch der Sieg auf ihrer Seite war; somit mußte auch die utilitaristische Tendenz zur Lösung der Judenfrage wegfallen. Jetzt sieht der „szlachcic" (der Adelige) vor sich den um Gleichberechtigung kämpfenden Juden, doch der ihm angeborene Adelsstolz kann es nicht ertragen, und so stellt er sich der Konsequenz zuliebe auf den Standpunkt der Rasseneinheit. Der Aufstand flaut ab. Im folgenden Dezennium lagert sich eine Totenstille über das nationale Leben der Polen im Inlande. Der Schwerpunkt wird nach Paris verlegt, wohin die Emigration ihre Richtung eingeschlagen hatte, und von ihr wird damals zum großen Teile das Verhältnis der polnischen Gesellschaft zur Judenfrage abhängig. Die „Pariser Emigration" nahm der Judenfrage gegenüber eine ganz neue Stellung ein. Dort in Paris legte man ja die theoretischen Grundlagen für den Bau der polonisatorischen Ideologie. So kämpfen Fürst Czartoryski, der Führer der Weißen (Aristokraten), sowie der Demokrat Joachim Lelewel mit ihrem ganzen Einfluß für das Assimilationsideal. Und ebenso greifen auch die Jungen unter den Emigranten, Jan Czynski, Bieniowski u. a. zur Feder, um mit Wort und Schrift das Ideal der Führer aufs eifrigste zu popularisieren. Die Redaktionen der polnischen, französischen und jüdisch-französischen Zeitschriften stellen gerne die Spalten ihrer Blätter zwecks Sondierung dieses Problems zur Verfügung. Auf diese Weise kristallisierten sich die Ideen der polnisch-jüdischen Verbrüderung und von hier aus wurden sie auf das eigentliche Tätigkeitsgebiet, auf die polnischen Provinzen hinübergepflanzt. Und wiederum bildet der Utilitarismus den Grundton im Verhältnis der Polen zu den Juden. Das „Hotel Lambert"***) gab den Gedanken an die Unabhängigkeit Polens nicht auf. Der Glaube, daß es dank der günstigen Konstellation am politischen Horizonte gelingen werde, einen Aufstand hervorzurufen, belebte alle. Es verlohnte sich also, die Juden für diesen Gedanken zu gewinnen. Dieses Motiv tritt im Jahre 1846 auf auffallende Weise hervor, als man in Krakau die polnische Revolution anzufachen bestrebt war. Damals suchte der orthodoxe Rabbiner Meiselsf), ein Typus des jüdisch-polnischen Romantikers, die Juden für die Revolutionsgedanken zu gewinnen. Inzwischen ging in der polnischen Gesellschaft ein charakteristischer Prozeß *) Landtagsprotokolle aus dem Jahre 1830/31, herausgeg. von Dr. M. Rostwarowski, B. IV. Seite 8. *•) a. a. O. B. IV., Seite 22. ***) Die Wohnung des Fürsten Czartoryski, um den sich die Majorität der Emigranten gruppiert hatte. f) Siehe meine Monographie „Dob Ber Meiseis" in der Zeitschrift „Ost und West" 1913» Heft 5, 6 und 7.