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Der Jude · 1916-12-01 · Heft 9 (Dezember 1916) · p. 622

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 9 (Dezember 1916)
Article
Die historischen Voraussetzungen der Judenfrage in Polen
Date
1916-12-01
Page
622 (sequence 5)
Language
German
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622 N. M. Gelber: Die historischen Voraussetzungen der Judenfrage in Polen Explosionsmaterial für den Antisemitismus in der polnischen Gesellschaft angehäuft. Im Jahre 1870 erscheint eine Broschüre eines gewissen Jelenski: „Die Deutschen, die Juden und wir." Jelenski, besorgt um die Stärkung der ökonomischen Organisationen der Polen, fordert zu einem ökonomischen Boykott der Juden auf. Er ist der geistige Urheber der gegenwärtigen Boykottidee in Polen. Und trotz dieser Erscheinungen des Antisemitismus gewinnt die Assimilation immer mehr Raum in den Kreisen der jüdischen Intelligenz. Die ersten Assimilanten, Lubliner, Kramstück, Jastrow, Rosen, Natansohn u. a. sehen in der Assimilation die Lösung des jüdischen Problems. Auf dem Wege der Apologetik sind sie bestrebt, die polnische Gesellschaft von dem traditionellen Philosemitismus der Polen zu überzeugen. In den letzten Dezennien des neunzehnten Jahrhunderts erwacht im jüdischen Volke das nationale Selbstbewußtsein, Und gleichzeitig entwickelt sich der Kampf gegen die Assimilation. Auf Grund der hier nur flüchtig dargelegten Tendenzen des polnisch-jüdischen Verhältnisses kommen wir zum Schluß, daß der Pole nur dann den Juden als ebenbürtigen Bruder anerkannte, wenn aus dieser Beziehung irgend ein Vorteil für die polnisch-nationale Sache entspringen konnte. Oder wenn zur Zeit des Aufstandes es sich zumindest um die Neutralität der Juden handelte. Der Gedanke des politisch-nationalen Utilitarismus war stets der Hauptregulator des jüdischpolnischen Verhältnisses und der wesentliche Beweggrund der polnisch-jüdischen Verbrüderung. In dem Moment aber, wo in Polen reale Politik betrieben wurde, triumphierte der Antisemitismus. Dies bestätigten die Ereignisse der Jahre 1858 und 1870. Seitens der Juden äußerten einzig Teile der europäisch gebildeten Intelligenz Assimilationsbestrebungen. Der Weg zu den hochgestellten Kreisen führte für sie über die Verzichtleistung auf die eigene nationale Individualität. Jedoch die Mehrzahl des Volkes lebte ihr eigenes nationalreligiöses Leben, wodurch allein sie, besorgt um die Erhaltung ihres eigenartigen Nationalcharakters, sich der assimilatorischen Emanzipations-Strömung entgegenstellte. Die jüdischen Massen mit ihrer wunderbaren historischen Intuition erblickten in der Emanzipation die Auflösung. Nun aber machte sich in den polnischen Gesellschaftskreisen eine starke Unzufriedenheit geltend, infolge des schnellen Wachstums der jüdischen Renaissanceidee. Durchkreuzt diese doch die traditionellen utilitaristischen Tendenzen der jüdisch-polnischen Verbrüderung. Und in dar Bekämpfung der jüdisch-nationalen Bewegung tut die Assimilation sehr fleißig mit. Der zeitweilige Idealismus ist verschwunden und es spielten sich in den letzten Jahren Ereignisse ab, die für den Historiker nichts weiter sind, als ein fortlaufender Ring in der Kette der oben dargestellten Zusammenhänge. Im Felde . N. M. Gelber

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