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Der Jude · 1916-12-01 · Heft 9 (Dezember 1916) · p. 619

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 9 (Dezember 1916)
Article
Die historischen Voraussetzungen der Judenfrage in Polen
Date
1916-12-01
Page
619 (sequence 2)
Language
German
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Die historischen Voraussetzungen der Judenfrage in Polen 619 gaben und Pflichten, die auf der polnischen Gesellschaft lasteten, ohne irgendwelche Garantieleistung seitens des Landtags, daß die Regierung das Projekt der Gleichberechtigung realisieren werde. Nicht dem Enthusiasmus für die Idee der Gleichberechtigung entstammte jenes Projekt; einzig der Gedanke, die geplante Reform im Interesse des Staates durchzuführen, beherrschte allenthalben die Köpfe der damaligen Politiker. Auch berücksichtigte diese Reform weder die nationalen und individuellen Eigenheiten der jüdischen Massen, noch die Vorteile, die für sie daraus erfolgen sollten. Nicht also ideale Gründe waren es, welche die damaligen Staatsmänner zur Projektierung der Judenreform bewogen, sondern das bewußte nationale Bestreben, dem schon baufälligen polnischen Staate neue Lebenskräfte zuzuführen, war der alleinige Ansporn zu ihrer Tätigkeit. Der tendenziöse Utilitarismus erdrückte die idealen Aspirationen der Reformatoren. Polen brach zusammen. Tadeusz Kosciuszko beginnt den Kampf um die Unabhängigkeit. Und mit ihm zusammen kämpft Schulter an Schulter der Jude Berek Joselowicz im festen Glauben, daß das neuerstandene Polen die Juden mit der Gleichberechtigung beglücken werde. Die Hoffnungen gingen nicht in Erfüllung. Ziehen wir nun das Verhältnis der Polen zu den Juden in den ersten Jahren des XIX. Jahrhunderts in Betracht, so sehen wir, daß die stark hervortretende antijüdische Stimmung zugleich mit dem Philosemitismus wächst. Die polnischen Nationalisten sind zum großen Teile Judengönner. Doch selbst hier dringt der traditionelle Utilitarismus jener philosemitischen Ideologie durch. Das unabhängige Polen muß wieder auferstehen. Es liegt also im Interesse der Sache, die Juden, die ein Achtel der Bevölkerung darstellen, für die Befreiungsidee Polens zu gewinnen. In der Zeitperiode der reformatorischen Strömungen in Kongreß-Polen in den Jahren 1815—1820 wurde vielfach die jüdische Frage besprochen*), und die polnischen Repräsentanten der damaligen Regierung legten für sie ein reges Interesse an den Tag, aber die Idee der Gleichberechtigung ging im Prinzip über die Tendenzen des Vierjährigen Landtags nicht hinaus. Die Judenreform stützt sich überall auf dieselben Motive und strebt nur einem Ziele zu, der Umwandlung der Juden in gute Staatsbürger mit einer offenkundig vorausgehenden Verzichtleistung auf das eigene nationale Ich. Das Jahr 1830/31 rückt heran. Der Aufstand gewinnt die Oberhand, und eine eigene Nationalregierung, aus den aristokratischen Elementen erwählt, stellt sich an die Spitze des polnischen Volkes. Als sich jetzt bei der Armee der Aufständischen eine Gruppe polonisierter Juden meldet, wird sie vom Diktator Chlopicki kurzerhand zurückgewiesen. Und der Kriegsminister Morawski gibt auf die Frage, warum die Juden zur Insurgentenarmee nicht zugelassen werden, folgende Antwort: „Jetzt tobt ein Kampf, wo es sich um Tod oder Leben handelt, ein reinrassiges Blut, ein einstämmiges Volk tut not. In der ruhmreichen Nacht des 29. November, die uns die Sonne der Freiheit heraufbeschwor und sich in den herrlichsten Tag verwandelte, in dieser Nacht pflanzten wir den Baum der Unabhängigkeit und Freiheit. Hüten *) Siehe die Abhandlung Dr. M. Wischnitzers: „Die Judenreform-Projekte im Fürstentum Warschau und Kongreß-Polen" in Perefcytoje B. I, S. 164-222 (russisch). 43*

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