Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 9 (Dezember 1916)
- Article
- Grundlagen des Nationaljudentums
- Date
- 1916-12-01
- Page
- 617 (sequence 9)
- Language
- German
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Grundlagen des Nationaljudentums 617 geraten — mit ihrem Fall hat das Judentum keinen Halt mehr in der Stätte seiner nationalen Konzentration, geschweige denn in der Peripherie seiner langen Schatten, die es jenseits der Mauer wirft. Man sagt, Amerika beweise die Existenzmöglichkeit eines modernen Judentums im Galuth. Indessen besteht das Judentum auch da nur dank der fortdauernden Einwanderung östlicher Juden. Bis es einer Wanderwelle gelingt, das Ghetto zu verlassen, hat der Ozean schon eine neue Wanderwelle ausgespült und mit ihr einen neuen Import von Judentum. Wenn die zerwürfelnden Fluten der Masseneinwanderung sich legen werden, wird die Assimilation ihren normalen Entwicklungsgang erhalten. Auch befindet sich Amerika noch mitten im Stadium des nationalen Werdens, noch hat es keinen Amerikanismus. Wenn sein Völkergemisch aus dem Schmelztiegel als Einheit hervorgehen und eine nationale Gestalt annehmen wird, werden wir auch unsere überseeische Kolonie nicht behaupten können. Wir können nur unter den Völkern national leben, die ihre nationale Reife noch nicht erlangt haben. Man wird einwenden: Ist ja unser Nationalismus gerade in den letzten Jahrzehnten und gerade in der jüdischen Moderne gewachsen, am allerwenigsten jedoch innerhalb des traditionellen Judentums im Osten. Man muß aber zwischen Nationalsein als Idee und Nationalsein als Wirklichkeit unterscheiden. Unser Nationalismus setzte ein, als und insofern die nationale Wirklichkeit des religiösen Judentums in die Brüche ging. Er entstand in den Reihen der Entzweiten, der Abgesplitterten und Versprengten, nicht im Volksinnern der Geeinten und Wurzelstarken; er entkeimte nicht dem tiefen Volksempfinden der Gesetzestreuen und konnte in ihrer Mitte kein richtiges Verständnis finden, da sie im Besitze der jüdischen Lebensformen kein Bedürfnis nach nationaler Wiedergeburt verspüren. Im Bewußtsein des in ihnen lebendigen Judentums sehen sie auch nicht recht die uns drohende Gefahr des Untergangs und sind um die Zukunft Israels nicht so sehr ängstlich: sie haben ein nationales Gefühl der Sicherheit und daher keinen echten Sinn für unsere Rettungsversuche. In der Tat, der jüdische Nationalismus wächst mit dem Schwinden der jüdischen Wirklichkeit; sein Aufstieg könnte als Gradmesser für den Abstieg dienen. Allenfalls bedeutet die Steigerung unseres Nationalbewußtseins nicht eine Stärkung unseres nationalen Seins, eine Mehrung unseres Nationalbesitzes. Man ist noch kein nationaler Jude, wenn man jüdischer Nationalist ist. Ist denn der-westeuropäische jüdische Nationalist mehr Jude als der jüdische Assimilant? Sie sind in gleichem Maße dem fremden Volksgebilde angegliedert, in die fremde Kulturgemeinschaft eingestellt; sie sind beide gleich assimiliert, leben national unjüdisch; sie sind — vom Gesichtspunkt der nationalen Attribute aus bewertet — beide keine Juden mehr. Sie unterscheiden sich in ihrem nationalen Bekenntnis, in ihrer nationalen Willensrichtung, nicht aber in ihrem Nationalsein, im Jüdisch-Sein. Wie soll ja die nationale Idee, so mächtig sie auch als Bekenntnis und als Wille sich kundgeben mag, den exilarchistischen Staat unserer Religion ersetzen und eine jüdische Wirklichkeit inmitten der Nationen schaffen? Sie kann nur unser nationales Bewußtsein aufrichten, nicht aber unser nationales Sein. Eher kann sie den Aufbau unseres Volkstums in Palästina bewerkstelligen, als das Judentum im Galuth erhalten oder gar vermehren. Heft 9. 43