Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1916-12-01 · Heft 9 (Dezember 1916) · p. 618

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 9 (Dezember 1916)
Article
Grundlagen des Nationaljudentums
Date
1916-12-01
Page
618 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3101111-3101112-8875891-3110571--0862-3110650
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

6i8 N. M. Gelber: Ist nicht die Religion bloß das Gewand, in das unser Nationalgeist gehüllt war? Der Verlust des Gewandes kann doch nicht als ein Versiegen unserer nationalen Kraft im Galuth angesehen werden. So wird getröstet, so wird der Glaube an eine nationale Zukunft der Diaspora gepredigt. Darüber im nächsten Aufsatz. Pully bei Lausanne Jakob Klatzkin DIE HISTORISCHEN VORAUSSETZUNGEN DER JUDENFRAGE IN POLEN Um die Judenfrage in Polen richtig erfassen zu können, ist es notwendig, sich mit den historischen Voraussetzungen vertraut zu machen, auf Grund deren diese Frage sich im letzten Jahrhundert gestaltete. Eigentlich trat die Judenfrage in Polen im Jahre 1764 ins Leben, zur Zeit als die Gemeindeorganisation mit ihrem Landtag an der Spitze (waad arba arazoth) aufgehoben werden sollte. Die großen, dichten Massen des Judenvolkes einerseits und anderseits die intensive Werbetätigkeit einer bestimmten Gruppe der polnischen Gesellschaft lenkten die Aufmerksamkeit aller auf ein neues Problem — auf die jüdische Frage. In hohem Grade herrschte damals der Antisemitismus, und charakteristisch für diese Zeit ist diese Erscheinung der Unduldsamkeit in einer Gesellschaft, die unter einem so starken Einfluß fortschrittlicher Ideen stand. Erst angesichts der Sachlage, die durch die erste Teilung des Reiches hervorgerufen wurde, begann man imZusammenhang anderer Staatsreformen auch die Judenfrage näher zu betrachten. Die reichhaltige politische Literatur jener Zeit besprach überaus lebhaft die geplanten Reformen. Man übersah auch nicht die jüdische Frage und räumte ihr auf dem „Vierjährigen Landtag" (1788—1792) eine Stelle innerhalb der allgemeinen Reformen ein. So dämmert das Problem der jüdischen Gleichberechtigung aus der Inaktualität hervor und rückt allmählich in den Vordergrund. Die Gleichberechtigung der Juden wird zum Thema lebhafter Diskussionen. Die Ansichten stoßen aufeinander. Von der einen Seite die fortschrittlichen, sogenannten jakobinischen Anschauungen Choloniewskis, Butrymowicz', Jezierskis, Kublickis, die an den Juden treue Söhne Polens haben möchten, von der anderen Seite die reaktionären Ansichten der kleinlichen um das persönliche Interesse besorgten Herren zusammen mit den Städten, die den Status quo zu erhalten bestrebt sind. Zum Schlüsse wurde im Landtag ein Projekt*) durchgeführt, das auf die Reform der polnischen Judenheit hinauszielte. Die Bestrebungen der damaligen Reformatoren waren in der Tat ganz aufrichtig gemeint, allein sie entsprachen nicht den Bedürfnissen und Interessen der jüdischen Bevölkerung. So erreichte das Gleichberechtigungsprojekt gar keine praktische Bedeutung, sondern es war vielmehr nur eine Skizzierung des Programms der Auf- *) Über die Judenreform auf dem Landtag siehe meine Abhandlung darüber, die in der Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums erscheint.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.