Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 9 (Dezember 1916)
- Article
- Grundlagen des Nationaljudentums
- Date
- 1916-12-01
- Page
- 616 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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6i6 Jakob Klatzkin: Wir können nunmehr die obige Frage nach dem Geheimnis unseres Bestandes in der Zerstreuung eindeutig beantworten. Die Formkraft der jüdischen Religion, die das Dasein in seiner ganzen Mannigfaltigkeit umspannt und alles Tun und Lassen regelt, das Leben des Einzelnen und der Gemeinschaft vom Intimsten und Keuschesten bis zum Äußerlichsten und Profansten in Gesetze bannt; die uns durch Aufprägung manifestierender Zeichen im Getriebe der Völker kenntlich macht und ungeachtet der grausamen Verfolgungen die stolze und rigorose Anordnung wagt, daß „ein Jude seine Tracht nicht ändern darf, um unerkannt nach einem Ort zu gehen, wo ihm als Juden der Aufenthalt verwehrt wird" —; der politische Charakter der jüdischen Religion, der in unserem Rechtsinstitutionen stets wirksam blieb und in den trotz aller Anfeindungen nie gänzlich aufgehobenen Sonderbestimmungen für Nichtjuden die nationalen Grenzen unserer Rechtsordnung beglaubigte: die Formkraft und die politische Verfassung des jüdischen Gesetzeskodex haben uns im Exil ein einzigartiges Reich als Staat im Staate zwei Jahrtausende erhalten. Auch das Judentum der Gegenwart zehrt noch an dieser Kraft unserer Staatsreligion, in deren Formen noch ein beträchtlicher Teil des Volkes lebt. Dieser Teil ist der Nähr- und Wehrstand der jüdischen Nation. Unbewußt wird auch das moderne Judentum von ihm gespeist und beschützt. Dieser Rest Israels wird aber immer kleiner und schwächer, die jüdische Religionsverfassung ächzt und stöhnt in ihren Fugen, ihre Formkraft ist in Zersetzung begriffen — und das Judentum der Diaspora hat keinen Bestand mehr. Unsere Weisen sagten: „Für die Völker der Welt ist eine Verbannung kein Galuth. Für Israel aber, der von ihrem Brot nicht ißt und von ihrem Wein nicht trinkt, ist die Verbannung wahrlich Galuth." Hat der Schulchan-Aruch seine Geltung verloren, so haben wir inmitten der Nationen keine Scheidewände mehr und sind keine Ausnahme mehr; wir teilen das Schicksal aller anderen verbannten Völkerstämme: das Los der Vermischung. Unser Exil ist bald kein Galuth mehr: das fremde Land ist oder wird uns Vaterland. * Man sagt, der Westen beweise das Gegenteil. Im Westen ist die Sonne unserer Religion untergegangen und doch ist mit ihr das Judentum nicht erloschen und die Judenfrage nicht verschwunden. Freilich, aber es muß ein Nachsatz folgen: weil der Osten den Westen hält. Unsere großen Volksmassen im Osten, die noch in jüdischer Tradition und allenfalls in deren Atmosphäre wurzeln, bilden für die Auflösung der Westjudenheit ein Hemmnis. Die aufrechte Gestalt der Nation im Osten wirft ihren Schatten weit über ihre Landergrenzen und breitet ihn über die erschlafften Glieder im Westen aus, die daher in den fremden Organismus nicht ganz hineinwachsen können, solange der jüdische Volkskörper jenseits der Grenze sich regt. Von Osten gehen ebenso Schatten der Judenfrage nach allen Weltgegenden aus und spuken gespensterhaft beängstigend auch in Ländern, wo diese Frage bloß ein matter' Widerschein der jüdischen Wirklichkeit aus der Ferne ist. Die Judenheit im Westen besteht also nur noch als Abglanz des Ost Judentums, das in seiner Auswirkung ihr Schutz gewährt und sie der Leiden des Volkes teilhaftig werden läßt. Die Assimilanten wissen es und fürchten daher den Ostjuden, der Judentum nach dem Westen verschleppt und den Prozeß der Verschmelzung stört. Aber unsere letzte Mauer im Osten wird immer rissiger und ist ins Schwanken