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Der Jude · 1916-12-01 · Heft 9 (Dezember 1916) · p. 615

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 9 (Dezember 1916)
Article
Grundlagen des Nationaljudentums
Date
1916-12-01
Page
615 (sequence 7)
Language
German
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Grandlagen des Nationaljudentums Responsenliteratur zeugt wahrlich mehr von nationaler Lebensgemeinschaft, von Vitalität jüdischer Wirklichkeit, als die nach Auflebung schreiende neuhebräische Literatur. Wir sollten unsern Gesetzesgebern Dank wissen, daß sie für den Ausbau der jüdischen Rechtsordnung ihren fruchtbaren Scharfsinn und ihren unermüdlichen Fleiß einsetzten. Wir sollten ihnen und vollends den Rigorosen, den „Erschwerern" unter ihnen Dank wissen, daß sie für muniziöse Befolgung der Vorschriften wohlweise Sorge trugen, Zäune um die Gesetze und Zäune um Zäune anlegten und gegenüber aller Fremdherrschaft ein strenges Regime einer jüdischen Verfassung aufrechterhielten. Nach Untergang unseres Reiches mußte das fließende Leben des Landes in starre Formen gezwängt werden, um konserviert zu dauern. Das Joch des Gesetzes hat freilich der Religiosität Abbruch getan. Um so vorteilhafter war es für die nationale Enge eines exterritorialen und mithin universalen Volkes; für die nationale Gebundenheit, die sich in Formzwang bewährte. Die Halachah war daher für die nationale Erhaltung des Judentums von größerer Bedeutung als die Agadah. Aber auch dieses starre System des Judentums im Galuth war nicht etwa Trägheit, war nicht Verstopfung der Quelle, eine Besiegelung des Schöpferischen, eine Fesselung des Geistes; es gab Fließendes und Schaffendes, es gab ein Entstehen und Vergehen innerhalb dieses Systems. Ja, die mündliche Lehre war es, die das Judentum im Fluß erhielt. In der Auslegung der Schrift hat sich unsere Gesetzesgebung stetig erneuert; als Akt des Gebens im religiösen Gewand des Empfangens, der Ableitung vom überlieferten Wort. Unter der Kruste formalistischer Deutung pulsierte dasLeben unseres Gemeinwesens; die Interpretation war ein vom Volksorganismus unbewußt erzeugtes Mittel, um Veränderungen und Neubildungen im Judentum zu ermöglichen oder nachträglich zu legitimieren. Die Ablehnung der mündlichen Lehre durch die Parole der oft erwachten religiösen Inbrunst „Zurück zum Urquell!" „Zurück zur Schrift!" hatte nicht eine Verjüngung, sondern eine Erstarrung des Judentums bewirkt; da sie eine Ablehnung seiner nationalen Struktur, eine Unterbrechung seiner geschichtlichen Kontinuität war; da sie ihm einen Abschluß aufnötigte. Der Rabbinismus hatte also eine doppelte Funktion; er war Erhalter und Fortbildner des Judentums. Er hat ein Riesenwerk der Vollendung nahegebracht: die Ausgestaltung unserer Religion in einer Fülle von für alle Verhältnisse und Beziehungen klar umschriebenen Normen; sie waren ein Bollwerk, das das Judentum vor Verschwommenheit jenseitiger religiöser Geistigkeit, die unsere nationale Bindung locker zu machen drohte, immer beschützt hat. Der Rabbinismus hat aber auch das Judentum in Bedingtheit gesetzt, in einer vom Leben durchwirkten Entwicklung gefördert und vermöge der Auslegung vor Stillstand bewahrt. Daher heißt es: „Die Aussprüche der überliefernden Schriftgelehrten sind gewichtiger als die Worte der Schrift". Eine sinnreiche Midrasch-Allegorie erzählt: Moses gedachte die mündliche Lehre niederzuschreiben; aber vorausschauend, daß die Völker einst die Schrift in Übersetzung besitzen und behaupten werden: „wir sind Israel, wir sind die Kinder Gottes", hat Gott ein Kennzeichen gegeben: Wer mein Mysterium besitzt, der ist raein Sohn. Die mündliche Lehre ist das Kennzeichen, das unser Volk von allen Völkern unterscheidet. Sie kann nicht übersetzt werden; sie muß gelebt werden. Sie ist das Mysterium, das nur uns eigen ist.

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