Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 9 (Dezember 1916)
- Article
- Grundlagen des Nationaljudentums
- Date
- 1916-12-01
- Page
- 612 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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612 Jakob Klatzkin: muß früher oder später von ihnen aufgesaugt werden. Man kann den Werdegang der Assimilation hemmen und verlangsamen, nicht aber zum Stillstand bringen. Man kann das Endergebnis hinausschieben, nicht aber abwenden. Man kann auch ein nationales Leben durch künstliche Mittel, gleichsam durch künstliche Atmungsorgane erhalten. Doch erweist sich bald diese mühselige Erhaltung als eine unnütze Vergeudung von Volkskräften. Ein immerwährender Widerstand gegen die fremde Umgebung, ein unablässiger Kampf gegen die fremde Wirklichkeit ist nicht möglich» Die Anstrengung des Volkswillens, die fehlenden nationalen Elemente durch Surrogate zu ersetzen, ist nur als Übergangsstadium in Hoffnung auf Wiederherstellung der nationalen Norm berechtigt; als bleibende Lebensbedingung enthält sie eben in dieser Bedingung das Todesurteil. Das Gekünstelte ist auf die Dauer ermüdend, das Gespannte muß endlich reißen. Das Gewollte, Allzubewußte, Allzukonstruierte mag das nationale Bewußtsein befriedigen, vermag aber nicht echte Werte eines nationalen Seins zu erzeugen; es ermangelt des Elementaren, des Unmittelbaren und Unbewußten. Es ist ein Sollen, das einem stetig wachsenden Sein zu trotzen hat und folglich an ihm zerschellen muß; eine aufreibende Pflicht, die schließlich als Joch empfunden und abgeschüttelt wird. Freilich ein Gebot des Lebens, des nationalen Selbsterhaltungstriebes; doch muß er allmählich an Triebkraft abnehmen und zu einem frommen Wunsch erblassen, da es nur noch als Trägheit wirkt und im Konflikt mit dem wirklichkeitsvollen Lebensgebot des individuellen Selbsterhaltungstriebes steht. Es kann hier und da einer großen Persönlichkeit gelingen, sich den Einflüssen des Milieus zu entziehen und in hermetischer Abgeschlossenheit gegen die Außenwelt aus den Quellen des entrückten Volksgenius zu schöpfen; auch darf eine idealgesinnte und willensstarke Elite sich die vornehme Aufgabe zutrauen, in zweckbedachter Absonderung und in einer Art von Weltfremdheit die Güter der Nation unter- oder überirdisch zu hüten und nationale Kultur treibhausartig zu pflegen. Das Volksganze jedoch unterliegt den Gesetzen der Zahl und Menge und kann nicht in beständiger Opposition gegen eine überwältigende Mehrheit und in beständiger Abwehr des Gegenwärtigen verharren. Es muß in solcher Absperrung verarmen und geht nunmehr erschöpft und verkümmert erst recht in der fremden Nation unter, der es früher, als es noch im Besitz seiner nationalen Kulturwerte war und mitbestimmend sein konnte, die Gemeinschaft und Gefolgschaft verweigert hatte. In dieser oder in jener Form, als bereitwillige Teilnahme oder als verzehrende Vereinsamung, ist die völlige Assimilation unausbleiblich. Haben wir uns nicht nahezu zwei Jahrtausende in der Zerstreuung erhalten, warum soll es nicht weiter möglich sein? Haben wir nicht auf fremder Scholle nationale Werte geschaffen, warum sollen wir es nicht mehr können? Ist doch die jüdische Wirklichkeit im Galuth und nicht in Palästina verwurzelt, warum sollen diese tiefen Wurzeln plötzlich verdorren müssen? Im Exil hat Israel die furchtbarsten Prüfungen überstanden und die schwersten Krisen überdauert — wie darf man sagen, daß die Exiljudenheit, die fast das Gesamtjudentum darstellt, dem Untergang geweiht ist? So wird allenthalben getröstet. So wird der Glaube an eine nationale Zukunft der Diaspora gepredigt. Wir waren schon auf diese Beweisführung aufmerksam und haben, den Fragen zuvorkommend, die Antwort kurz angedeutet. An dieser Stelle müssen wir aber diesen Gesichtspunkt näher prüfen und beleuchten. Die obige Beweisführung unterläßt es geflissentlich, neben den auf eine günstige