Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 9 (Dezember 1916)
- Article
- Grundlagen des Nationaljudentums
- Date
- 1916-12-01
- Page
- 611 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3101111-3101112-8875891-3110571--0855-3110643- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Grundlagen des Nationaljudentums 611 rung und Förderung unseres nationalen Daseins; gar oft ist das Wohl der jüdischen Weltanschauung das Weh ihres nationalen Trägers. Wir wissen auch: der „Geist des Judentums" hat die Assimilation sanktioniert. Das Menschheits-All ohne Teilung und ohne Saum tat sich ihm auf, die ganze Erde erschloß sich ihm als sein gelobtes Land und er glaubte wahrlich auf seine innere Berufung sich besonnen zu haben und seinen weltgeschichtlichen Auftrag treulich zu erfüllen, indem er im Namen des Propheten den „Partikularismus" preisgab und als Weltgeist auf alle völkischen Attribute verzichtete. Er also kann unseren nationalen Bestand nicht gewährleisten. Er kann im besten Falle ein jüdisches Bewußtsein erhalten — ein subjektives Judentum, das sich in einem verbalen Bekenntnis äußert und erschöpft; ein eingebildetes Judentum, das in unjüdische Wirklichkeit wohlig eingebettet ist und auch auf die Bequemlichkeit nicht verzichten mag, sein nationales Gewissen durch Fiktion eines Scheindaseins zu beschwichtigen — nicht aber ein jüdisches Sein. Israel kann nie untergehen — nur der religiöse Jude und der assimilatorische Judaist dürfen diese Gewißheit aussprechen. Dem religiösen Juden ist sie ein Glaubenssatz. Dem assimilatorischen Judaisten bedeutet ja der Untergang der jüdischen Nation nicht den Untergang Israels, sondern eine Weiterentwicklung und vollends eine Stärkung Israels, weil Läuterung und Ausbreitung des Judaismus. Auch wenn der Judaist an die nationalen Losungen des Zeitgeistes ein Zugeständnis macht und den leibhaftigen Juden als antropologische Voraussetzung für den Fortbestand der prophetischen Ideen anerkennt, wie es Hermann Cohen in der letzten Etappe seines langsamen aber regelrechten Rückzuges dem Zionismus zubilligt, so ist es nur eine Umsetzung des nationalen Untergangs als eines passiven Zustandes in die Aktivität einer nationalen Selbstüberwindung, Selbstaufgabe: der Jude ist die biologische Bedingung für die Bewährung des Judaismus in nationaler Entsagung, in Entnationalisierung, wenn anders die Idee nicht der Naturtatsache, der Zweck nicht dem Mittel geopfert werden soll. Geht man noch weiter und schließt von der Unsterblichkeit des judaistischen Menschheitsideals auf die Unsterblichkeit seines Trägers, so meint man höchstens das illusorische Individuum, die verstreuten Einzelnen als Bekenner, als „göttlichen Tau inmitten der Völker"; nicht aber das Kollektiv als Sammlung in Sonderung. Kurz, diese Zuversicht auf Erhaltung des Judentums ist im Glauben an die Zerbröckelung der jüdischen Volksgemeinschaft begründet; Israel kann nie untergehen, denn im Vergehen ist sein Bestehen. Der Nationaljude muß hingegen sagen: Vielleicht wird die Idee des Judentums in den Regionen der Abstrakta ewig bestehen, als elastischer und anpassungsfähiger Kautschukbegriff, als bodenloses und daher universales Luft Judentum; vielleicht auch ist unser Geist stark genug, um sich gegen allen Nationalgeist der Wirtsvölker zu wehren und zu behaupten; vielleicht mächtig gar, um in Überflügelung der nationalen Grenzen die Welt zu erobern und als „nackte Seele" eines wunderlichen Weltvolkes unter den Menschen umherzuirren, überall gespensterhaft wirkend und nirgends sichtbar, überall beängstigend, weil nirgends heimisch; vielleicht ist er noch wurzelkräftig, um sich in neuen Schöpfungen zu entfalten und in modernreligiöser Neubelebung seinen Horizont zu weiten und zu erhellen —Israel kann bei all dem untergehen. 3- Und noch mehr muß gesagt werden. Eine vollständige Assimilierung der Diaspora-Judenheit ist nicht nur möglich, sondern unvermeidlich. Ein unter vielen Nationen und in vielen Ländern zerstreutes und aufgeteiltes Volk