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Der Jude · 1916-12-01 · Heft 9 (Dezember 1916) · p. 610

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 9 (Dezember 1916)
Article
Grundlagen des Nationaljudentums
Date
1916-12-01
Page
610 (sequence 2)
Language
German
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IRI
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6io Jakob Klatzkin: jüdischen Sittenlehre. Sowohl die assimilatorischen als die nationalen Wortführer des jüdischen Ethizismus bekennen sich zum Ausspruch unserer Weisen: „Israel kann nie untergehen." Diese Lehrsätze müssen von dem im Territorialgedanken gereiften Nationalismus, also vom Zionismus, abgelehnt werden; der von ihnen vertretene Glaube muß von ihm als verhängnisvoll für unsere nationale Wiedergeburt erkannt werden, 2. Eine vollständige Assimilierung der Juden ist möglich. Die Assimilation gewinnt immer mehr an Umfang und noch mehr an Tiefe. Noch ist sie dahin nicht gelangt, die jüdische Nationalität völlig auszulöschen und die Judenfrage aus der Welt zu schaffen, aber damit ist nicht bewiesen, daß sie nie dahin gelangen wird. Noch steht sie in den Anfängen ihrer Entwicklung und kann sich schon ansehnlicher Erfolge rühmen. In der kurzen Zeitspanne ihres Wirkens ist unser Nationalbesitz bedeutend geschmälert worden; der erst vor einem Jahrhundert eingetretene Entnationalisierungsprozeß hat bereits viele und wesentliche Glieder unseres Volkskörpers verunstaltet, entartet, und treibt nun Blüten der Verwesung. Mit welchem Recht dürfen wir die Assimilation als mißlungen bezeichnen? Die Assimilation ist unterwegs, es ist ja nur ihr Anfangsschritt und man muß sagen: sie hat in raschem Tempo ein großes Stück des Weges vom Judentum ab zurückgelegt und die erste, allerdings leichtere Hälfte ihrer Aufgabe — die Entwurzelung —• mit erstaunlicher Fertigkeit gelöst. Und wer will es bestreiten, daß auch die zweite, schwierigere Hälfte — die Verwurzelung — verheißungsvolle Ansätze aufzuweisen hat? Unser zweitausendjähriger Bestand im Exil kann gewiß nicht als Beweis dafür gelten, daß unsere Assimilierung schlechterdings unmöglich sei. Die Kraft der religiösen Lebensformen, die unser Volkstum in strenger Abgeschlossenheit erhalten hatte, ist von uns gewichen, und es gibt keine feste Scheidewand mehr, um ein Ghetto aufzurichten und ein nationales Sondersein im Galuth zu sichern. Und der Geist des Judentums, der Geist unserer unsterblichen Sittenlehre, jener ewigliche Kern, der nach Abwerfen der religiösen Schale an Festigkeit und Wirklichkeit nur gewinnt — bietet er nicht Gewähr für den Bestand des jüdischen Volkes? Nein. Die Schale ist national wertvoller als der Kern. Die Schale ist national widerstandsfähiger als der Kern. Es gibt einen nationalen Halt in unseren Religionsgesetzen; es gibt aber keinen nationalen Halt in einer Ideologie und gar in einer ethischen Lehre. Unsere ReligionsVerfassung ist reich an nationalen Scheidewänden, an „Schutzmauern" und „Zäunen", die unser Eigenleben allseitig umgrenzen; der Geist des Judentums ist es nicht. Das in Normen gebannte Judentum hat nationale Enge, der von ihnen losgelöste Kern — kosmopolitische Weite. Vielleicht verbürgt die sittliche Kraft des Judentums seine Erhaltung im Weltbereich der Ideen, nicht jedoch als nationales Reich; in Expansion, nicht in Konzentration; im Bunde der Menschheit, nicht im Bunde Abrahams; als Ethizismus, nicht als Ethos; methodologisch gesprochen: als Inhalt, nicht als Form. Hat die im ersten Kapitel unternommene Analyse des spirituellen Judentums ergeben, daß der sittliche Inhalt des Judentums kein Auskunftsmittel für ein nationales Kriterium besitzt, so besagt sie auch zugleich, daß er keine nationale Garantie in sich birgt. Wir wissen: Wahrung und Förderung des Judaismus meint nicht Wah-

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