Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 9 (Dezember 1916)
- Article
- Grundlagen des Nationaljudentums
- Date
- 1916-12-01
- Page
- 609 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Jakob Klatzkin: Grundlagen des Nationaljudentums 609 GRUNDLAGEN DES NATIONALJUDENTUMS Zweites Kapitel Die Existenzfrage der Diaspora-Judenheit 1. Ein Lehrsatz lautet: Eine vollständige Auflösung der Judenheit liegt nicht im Bereich der Möglichkeit. Die Assimilationsversuche sind als mißlungen anzusehen; sie vermochten nicht unser nationales Gepräge auszumerzen und die Judenfrage auch nur zu mildern, geschweige zu lösen. Wir sind nicht unter dem Gesichtspunkt der Quantität als eine den Gesetzen der Zahl und Menge unterworfene Minderheit, sondern als eine eigenartige nationale Qualität zu bewerten, die jene seltsame Eigenschaft besitzt: nie und nirgends aufgelöst werden zu können. Dieser Glaube an die Unmöglichkeit einer völligen Assimilation der Juden ist von der zionistischen Lehre zu einem unumstößlichen Dogma erhoben worden. Er suchte und fand bald einen Stützpunkt in der noch recht wackligen Rassentheorie, die, obgleich selbst nur eine vage Hypothese, vom Zionismus als seine wissenschaftliche Grundlegung mit naiver Begeisterung aufgenommen und verkündet wurde. Ein zweiter Lehrsatz lautet: Palästina kann nicht die Frage der Judennot, sondern die der Judentumsnot lösen. Eine jüdische Siedlung im Lande der Väter bedeutet nicht die Aufhebung des Galuth, eine Sammlung der Zerstreuten, sondern die Schaffung einer Heimstätte für jüdische Kultur, die Ermöglichung einer normalen Entwicklung unserer nationalen Werte auf unserem historischen Nährboden: die Errichtung eines geistigen Zentrums. Von diesem Zentrum, das gleichsam die Sonne der Nation und den Brennpunkt all ihrer schöpferischen Kräfte bilden soll, werden Strahlen zu der weit ausgedehnten Peripherie der gesamten Judenheit in den Diasporaländern ausgehen und, Licht und Wärme spendend, das Judentum allerorten befruchten und fördern. Der kleine Tempel unseres nationalen Heiligtums in Palästina wird auch die großen Massen in den Fremdländern vor Entjudung schützen. Die versprengten Volksglieder werden sich um den geistigen Mittelpunkt sammeln; um das Herz der Nation, aus dem' sie neues Leben empfangen werden, sobald sie seinen Pulsschlag in der Ferne vernehmen. Die geistige Sammlung wird die räumliche Zerstreuung überwinden. Mit dieser Problemstellung und Lösung des Kulturzionismus verbindet sich eine besondere Vorliebe für Betonung eines geistigen Judentums sowie eine besondere Neigung für Definitionen, die das Judentum als einen Lehrinhalt ergründen und durch Ideologien bestimmen. In solchem Zusammenhang erhält das geistige Zentrum eine ihm vorgezeichnete Funktion mit zielbewußter, zwecksetzender Richtung: als Wahrung und Förderung des Judentums im Geiste seiner traditionellen Lehre, seiner sittlichen Ideen, oder, wie es heißt, seiner nationalen Ethik, der spezifisch-jüdischen Weltanschauung. In diesen Gedankengängen bewegt sich der moderne Glaube an eine wunderliche Lebenskraft des jüdischen Volkes. Ist das religiöse Judentum in tiefinnigem Glauben an die Ewigkeit der Thora von der Unsterblichkeit Israels überzeugt, so sind es die Verfechter des geistigen Judentums im Glauben an die Ewigkeit der