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Der Jude · 1916-12-01 · Heft 9 (Dezember 1916) · p. 607

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 9 (Dezember 1916)
Article
Vom Gemeinschaftsleben der Chassidim
Date
1916-12-01
Page
607 (sequence 9)
Language
German
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Vom Gemeinschaftsleben der Chassidim 607 die Chassidim selbst an den hohen Feiertagen Tänze aufzuführen; Rundtänze, an denen mitunter der Zaddik teilnimmt. Da entschwindet ihnen die Wirklichkeit des Lebens, sie vergessen alles, drehen sich Stunde um Stunde im Reigen und spüren keine Müdigkeit. Eine Runde um die andere wird getanzt, nur unterbrochen durch einen Labetrunk und durch heilige Erzählungen. Das Haus des Zaddik ist für die Chassidim nicht nur der Mittelpunkt ihres geistigen Lebens. Dort werden auch Geschäftsverbindungen angeknüpft und, selbstverständlich mit Zustimmung des Zaddik, Geschäfte abgeschlossen. Zuweilen wird der Zaddik auch als Teilhaber aufgenommen; er beteiligt sich indessen nicht mit seinem Gelde, sondern lediglich mit seinem Segen, wofür er einen Teil vom Gewinn erhält, ohne einen Verlust mittragen zu müssen. Oft geschieht es, daß man Kinder, sei es, daß sie zum Zaddik mitgenommen wurden, sei es, daß sie zu Hause geblieben sind, miteinander auf Geheiß des Zaddik verlobt. Sind die Feiertage verrauscht, so kehren die Chassidim in ihr Heim zurück, jeder zu seinem Geschäft und zu seinem Beruf. Aber ihr Heim ist ihnen nur eine vorübergehende Wohnung. Ihre Gedanken weilen auch hier beim Zaddik. Die Chassidim eines Zaddik stehen in einem solchen Verhältnis zueinander, daß der eine mit Sicherheit auf die Unterstützung des andern rechnen darf. Der Zaddik und die Ältesten der Chassidim sehen darauf, daß der bedürftige Chassid von seinen Brüdern genügend unterstützt werde. Besonders wird auf Krankenpflege und Ausstattung armer Bräute geachtet. Überhaupt fühlen sich die Chassidim in ihrer Stadt als eine gesonderte religiöse Gruppe und haben auch dort, wo sie nur eine Minderheit bilden, ihr eigenes Bethaus, ihren eigenen Rabbiner, ihren Vorbeter und ihren Schächter, die durch den Zaddik eingesetzt worden sind. Selbst wenn sie den Zaddik nicht sehen, bleiben sie in Verbindung mit ihm. Auch fern von seiner Residenz versammeln sie sich an Sabbaten und Festtagen und führen Gespräche über ihn und die anderen Zaddikim. Zuweilen trifft es sich, daß einer kurz vorher von einer Wallfahrt zurückgekehrt ist. Dann umringt man ihn und lauscht den Neuigkeiten, die er vom Hofe des Zaddik mitgebracht hat. Jeden Abend zwischen dem Vorabend- und dem Abendgebet bilden sich in dem chassidischen Bethause "Gruppen, die sich über chassidische Angelegenheiten unterhalten. Sie stehen dicht aneinandergedrängt, Jung und Alt, Groß und Klein. Sie vergessen die strenge Wirklichkeit und die Sorgen des Tages und gelangen zu jener höchsten Ekstase, die sie als „Bitul Hajesch"— Auflösung des Seins — bezeichnen. Die Chassidim beten den Zaddik nach seinem Tode ebenso an wie zu Lebzeiten. Auch nach seinem Tode ist er der Vermittler zwischen Israel und Gott, und dort im Himmel ist er bestrebt, das jüdische Volk vor den Leiden, die es bedrohen, zu bewahren. Der Zaddik ist nicht tot. Der Mann, dem alles Geschehen im Himmel und auf Erden bekannt ist, kann nicht durch den Tod verschwinden, „Unser Urahn Jakob ist nicht tot/' überliefert schon die talmudische Legende. „David, der König Israels, lebt und besteht," pflegt jeder fromme Jude in schlichtem Glauben in seinem Gebete zu sagen. „An jenem Tage, als Rabbi verschied," erzählt die Agadah, „da sagten die Rabbiner: wer aussprechen wird, daß Rabbi gestorben sei, den soll ein Schwert durchstechen." Ähnliches erzählt die arabische Sage von Mohammed: „In dem Augenblick, als er seine Seele aushauchte, trat Omar mit gezücktem Schwerte hervor und sprach: Wer da sagt, daß er tot sei, den wird mein Schwert durchbohren." So bildete und verbreitete sich die Überlieferung von der Auferstehung des Jesus von Nazareth und so entstand auch der Glaube an die Unsterblichkeit des Baal-

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