Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 9 (Dezember 1916)
- Article
- Vom Gemeinschaftsleben der Chassidim
- Date
- 1916-12-01
- Page
- 606 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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6o6 S. A. Horodezky: deren ganzen geheimnisvollen Inhalt zu ergründen. Während dieser Aussprache sitzen alle dicht beieinander, einer spricht, die andern lauschen, jeder Unterschied zwischen Groß und Klein, Arm und Reich ist ausgelöscht. Auch die Chassidah, die allein oder in Begleitung ihres Mannes zum Zaddik gewallfahrtet ist, darf in angemessener Entfernung sitzen und den heiligen Erzählungen lauschen. Die meiste Zeit aber bringt sie in Gesellschaft der Rabbinerin, der Frau des Zaddik, zu, speist mit ihr vom heiligen Mahl und hat Anteil an den „Schirajim". Auch die Chassidim pflegen den „Hof" nicht zu verlassen, ohne auch von der Rabbinerin den Segen empfangen zu haben. Von besonderer Feierlichkeit ist das Leben beim Zaddik an den hohen Festtagen. „An diesen Tagen," sagt Rabbi Feiwisch von Sberitsch, der Schüler des Rabbi Bär von Meseritsch, „an den Neujahrs- und Versöhnungstagen muß man vor allem von Gott die Kraft erbitten, daß er uns möglich mache, uns in Wahrheit und aus ganzem Herzen ihm anzuschließen; daß er Besitz ergreife von unserer Seele und daß der Eindruck Gottes in unserer Seele das Jahr hindurch uns zur Stütze diene und uns leite, auf daß unser Schritt nicht weiche vom Pfade. Denn stark ist die Macht des bösen Triebes. Um uns vor ihm zu bewahren, hat uns Gott heilige Zeiten geschenkt, an denen sein Licht in höchstem Glänze erstrahlt und in unsere Seelen eindringt. Solche Zeiten sind besonders die Tage des Rosch-Haschanah und des Jom-Kippur, die gleichsam das Gehirn und das Herz des ganzen Jahres bilden. Die Zeit birgt Sinnbilder für alle Glieder des menschlichen Körpers in sich. Also heißt es im Buche Jezirah: Welt, Jahr, Organismus stehen alle unter einem Zeichen. Rosch-Haschanah ist das Haupt. Wie das Haupt des Menschen, wenn er sich mit all seinen Gedanken einer Sache hingibt, die Kräfte aller Glieder absorbiert, so daß vor der Macht des Gedankens alle Sinne und Empfindungen schwinden, ebenso konzentrieren sich alle Seelenkräfte des Menschen und der Welt und der Zeit am Rosch-Haschanah im Haupte der Welt, wie am Tage der Schöpfung, als Sein Wille die Welt schuf. Der Versöhnungstag aber ist das Herz, die Zeit des Abschlusses und der Vollendung, wie im Herzen des Menschen die Dinge, mit denen der Gedanke fertig geworden ist, zum Entschluß reifen. Der Versöhnungstag wird daher als die „Durchleuchtung der Vernunft" angesehen, d. h. im Herzen des Menschen reift und erwacht dann in ihrer Vollendung die Erkenntnis Gottes." An diesen heiligen Tagen konnte es kein Chassid über sich bringen, zu Hause zu bleiben; zumeist pflegte er sein Hausgesinde zum Zaddik mitzunehmen. DieZaddikim selbst schärften ihren Anhängern ein, sie an diesen Tagen aufzusuchen. „Alles was dir der Zaddik befiehlt, mußt du tun," sagt Rabbi Nachman aus Brazlaw, „nur wenn er dir verbietet, am Rosch-Haschanah zu ihm zu kommen, mußt du nicht gehorchen." An solchen Festtagen erreicht der „Zusammenschluß der Genossen" und die Anbetung des Zaddik die höchste Stufe. Der Zaddik steht dann auf der Stufe der „Furcht" und des „Schreckens". In seinem entflammten Antlitz, seinen feuersprühenden Augen lesen die Anhänger, wie schwer die Aufgabe ihres Führers und Lehrers ist, an den Tagen der Ehrfurcht als Fürsprech seiner Gemeinde vor Gott hinzutreten; welche Anstrengungen er macht, um für sie die Vergebung der Sünde und die Eintragung ins Buch des Lebens zu erwirken. Aber selbst in solch feierlich ernsten Stunden pflegen die Chassidim fern zu sein von Trauer und Kummer. Denn ihre Lehre verbietet ihnen den Kummer und gebietet ihnen die Freude. „Selbst wenn man eine Sünde begeht," sagt der Baal- Schern, „darf man sich nicht der Schwermut hingeben. Das hieße, das Werk des bösen Triebes tun. Durch die Freude vereinigt man sich mit Gott." Deshalb pflegen