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Der Jude · 1916-12-01 · Heft 9 (Dezember 1916) · p. 608

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 9 (Dezember 1916)
Article
Vom Gemeinschaftsleben der Chassidim
Date
1916-12-01
Page
608 (sequence 10)
Language
German
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6o8 S. A. Horodezky: Vom Gemeinschaftsleben der Chassidim Schern**) „Was für einen Unterschied gibt es für ihn, den Zaddik," sagt Rabbi Nachman aus Brazlaw, „zwischen Leben und Tod? Er hat früher hier gewohnt und jetzt seine Wohnstätte im Grabe genommen" und er ist „wie einer, der aus einem Zimmer ins andere geht. Er hört gewiß, wenn man ihn ruft." — „Ich will unter euch bleiben," sagte derselbe Rabbi zu seinen Chassidim, „und ihr sollt mich an meinem Grabe aufsuchen." Die Grabstätte des Zaddik befindet sich an einer bevorzugten Stelle des Friedhofes. Das Grab ist von einem „Ohel" (Zelt) umspannt, das eine große Gemeinde zu fassen vermag. In der Mitte des Zeltes befindet sich das „heilige Grab", auf diesem eine schwarze Holzbahre. Zu Häupten des Grabes brennen stets Kerzen und Öllampen. Bevor die Chassidim das heilige Grab besuchen, baden sie in der Mikwah, beten mit besonderer Andacht, kleiden sich festtäglich, umgürten ihre Lenden wie zum Gebete, wie wenn sie der lebende Zaddik empfangen wollte. Überhaupt tragen die Vorbereitungen, den toten Zaddik zu besuchen, denselben Charakter wie die beim Empfange des lebenden. An der Tür des Ohel ziehen die Chassidim die Schuhe von den Füßen, treten mit Ehrfurcht ein, jeder zündet seine Kerze oder ein Lämpchen an, tritt leise an das heilige Grab, legt einen Zettel, der seine Wünsche enthält, in die Bahre in derselben Weise, wie er dem lebenden Zaddik seine Wünsche kundzutun pflegte. Man betet gewisse Gebete und besondere Abschnitte aus den Psalmen. Droht der Judenheit oder einem Einzelnen ein Leid, so wallfahren nicht nur Chassidim, sondern auch Nichtchassidim an das Grab des Zaddik, um von ihm Hilfe zu erflehen. Besonders zahlreich sind die Besuche im Monat Elul, jenem Monat der Vorbereitung zur Buße, der den Tagen der Ehrfurcht, dem Rosch-Haschanah und dem Jom-Kippur, vorangeht. Jene Tagen, an denen nach einer Aussprache des Rabbi Feiwisch aus Sberitsch „Gottes Name seinem Volke leuchtet, es mit dem Glanz der Furcht umstrahlt und die Herzen der Kinder Israels durchdringt. In jenen Tagen muß sich der Mensch in der Reinheit des Gedankens in Wort und Tat läutern und in Thora und Gebet heiligen." Im Monat Elul sind die Tore des Grabzeltes den ganzen Tag allen Besuchern, die aus weiten Fernen hinströmen, geöffnet. Solche heiligen Gräber kennt jede Stadt, in der ein Zaddik gelebt hat. Besonders berühmt ist die Grabstätte des Baal-Schern in Medsibosch, das Grab des Rabbi Mordechaj von Tschernobol in Ninatuwka (in der Nähe von Kiew), das Grab des Rabbi Nachman von Brazlaw in Uman, das Grab des Rabbi Levi Jizchok in Berditscheff, das Grab des Rabbi Nachum in Tschernobol und manche andere. Am Todestage, der „Jahrzeit", des Zaddik versammeln sich die Chassidim in ihrem Bethause, aber nicht um zu weinen und zu klagen. Das Bethaus wird festlich erleuchtet. Nach der Verrichtung des Gebetes nehmen sie eine gemeinsame Mahlzeit ein, verweilen in Gesprächen über den Zaddik und trinken auf das Wohl seines Nachfolgers, des Sohnes, der so heilig ist wie sein Vater, dessen Stelle ausfüllt und dessen heiliges Werk fortsetzt. Während dieser Festlichkeit, die in jeder Stadt, in der sich die Grabstätte eines Zaddik befindet, begangen wird, wird ein Amulett versteigert, das vom Nachfolger zugeschickt wurde. Es ist dies gewöhnlich eine silberne Münze, die der Zaddik geweiht hat, indem er sie in die Hand nahm und Gebete über sie sprach. Es findet eine Versteigerung statt; jeder Chassid bietet und die Münze bleibt dem, der das höchste Angebot gemacht hat. Für das Geld wird Branntwein gekauft. Jeder Chassid kostet ein wenig und trinkt auf das Wohl des Spenders, auf das aller Chassidim und auf das der ganzen jüdischen Gemeinschaft. Bern (Schluß folgt.) S-A- Horodezky *) Siehe mein Buch: Rabbi Israel Baal-Schern, Seite68—70.

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