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Der Jude · 1916-12-01 · Heft 9 (Dezember 1916) · p. 605

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 9 (Dezember 1916)
Article
Vom Gemeinschaftsleben der Chassidim
Date
1916-12-01
Page
605 (sequence 7)
Language
German
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Vom Gemeinschaftsleben der Chassidim dieser Zahl ist gleich „chaj" — lebend. Es hat auch solche Zaddikim gegeben, die ihren Anhängern mit gelinder Gewalt möglichst hohe Summen abforderten. Diese fanden darin nichts Anstößiges, im Gegenteil sagten sie, die Zaddikim nähmen das Geld nur, um die darin verborgenen „heiligen Funken*' emporzuheben. VomZaddik aus Tscherkassy (Gouvernement Kiew) erzählt man sich, daß er von seinen Chassidim Summen zu fordern pflegte, deren Zahlenwert den Namen der Bittsteller entsprach — und zwar in Rubeln. War aber der Zahlenwert eines Namens nicht groß genug, so half er sich dadurch, daß er den Zahlenwert des Namens der Frau des Bittstellers verlangte. Einem Chassid, der das Glück hatte, eine Frau namens Chaje zu besitzen und der demgemäß nur 23 Rubel entrichten sollte, hielt der Zaddik entgegen: „Du nennst gewiß deine Frau zuweilen auch Chajele, du mußt mir also 100 Rubel mehr geben." Besonders zeichnete sich in dieser Hinsicht die Sadagöraer Dynastie aus. Sie besaß Paläste mit Sommer- und Wintergärten, Gold- und Silbergeräte, reichhaltige Bibliotheken und verstand es auch, große Summen in bar beiseite zu legen. Manche Zaddikim protestierten gegen die Überhandnähme des Luxus, manche aber billigten sie und fanden gar wunderbare Geheimnisse in dieser Lebensweise. Das Haus des Zaddik ist der Zusammenkunftsort für seine Anhänger. Einige Male, zumindest aber einmal jährlich, an den hohen Festtagen, muß der Chassid zu seinem Zaddik wallfahren, um dessen Lebensweise zu beobachten, seinem Gespräch und seinen Erzählungen zu lauschen, seinen Segen und seinen Rat zu empfangen. Denn in allen Lebenslagen muß der Chassid oder die Chassidah den Zaddik befragen, und ist ein Familienmitglied krank, Heilung bei ihm suchen. Jeder Zaddik hat einen „Ssefer Refuoth", ein Buch kabbilistisch-medizinischen Inhalst, das für alle Krankheiten unfehlbare Heilmittel kennt. Diese bestehen außer in Gebeten und Amuletten hauptsächlich in Gräsern und Kräutern, was ebenfalls an die Essäer erinnert. Manche Zaddikim sahen darauf, daß ihre Anhänger sich nicht von profanen Ärzten behandeln ließen. „Der Todesengel konnte," sagt Rabbi Nachman von Brazlaw, „mit seiner Arbeit, die Menschen zu töten, allein nicht fertig werden, da hat man ihm die Ärzte als Gehilfen beigegeben." Konnte ein armer Chassid die Reisespesen nicht aufbringen, so sorgten seine Genossen dafür. Fehlen durfte er nicht. Oftmals aber zog es der Chassid vor, zu Fuß zu gehen, denn jeder Schritt auf der Wallfahrt wird im Himmel angerechnet. „Aus jedem ihrer Schritte entsteht ein Engel," sagt Rabbi Nachman von Brazlaw. Jeder Zaddik hat sein Bethaus, wo die Anhänger am Sonntag und an Feiertagen die Gebete zu verrichten pflegen. Den Zaddik selbst sieht man nicht, er betet allein in einem anstoßenden Zimmer, dem Allerheiligsten. Nach Schluß des Gebets öffnet er die Tür, die Chassidim defilieren an ihm vorbei, grüßen ihn mit dem Festesgruß, und er nickt ihnen zu. An Sabbaten und Feiertagen nehmen die Chassidim „die heilige Mahlzeit" am Tische des Zaddik ein. Während des Essens herrscht Schweigen. Zuweilen sagt der Zaddik Thora, d. h. er erklärt Bibelstellen, die dem Tage entsprechen. Alle lauschen in Ehrfurcht und Begeisterung. Der Zaddik kostet wenig von jedem Gang. Die „Schirajim" (Reste) werden unter die Gäste verteilt. Den Tisch des Zaddik nennen die Chassidim „Altar Gottes", das Mahl „Opfer Gottes". Und indem der Zaddik von den Speisen genießt, ist er der Hohepriester, der Gott das Opfer darbringt. Auch dies erinnert an die Mahlzeiten der Essäer. Nach dem Mahl versammeln sich die Chassidim und verweilen in Gesprächen über ihren Zaddik. Sie wägen jedes Wort, deuten jeden Wink, jeden Augenaufschlag, den sie bemerkt haben, und suchen

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