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Der Jude · 1916-12-01 · Heft 9 (Dezember 1916) · p. 604

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 9 (Dezember 1916)
Article
Vom Gemeinschaftsleben der Chassidim
Date
1916-12-01
Page
604 (sequence 6)
Language
German
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6o4 S. A. Horodezky: Der Zaddik lebt im Wohlstand. Die Chassidim nehmen bereitwillig ihrem Seelenhirten alle materiellen Sorgen ab, damit er sich frei und unbehindert „den himmlischen Angelegenheiten" hinzugeben vermöge. Der „Hof" des Zaddik wird auf Kosten der Chassidim erhalten. Er umfaßt stattliche Häuser, mitunter Prachtgebäude, Gärten, Gefährte, Gold- und Silbergeräte, Diener und Dienerinnen, und die besonderen Diener des Zaddik, die sogenannten „Gabaim". Die ersten Zaddikim haben ein kümmerliches Dasein geführt. Auch sie pflegten ansehnliche Beiträge von ihren Anhängern zu erheben, aber sie gaben fast alles für wohltätige Zwecke aus. Der Baal-Schern pflegte sich nicht schlafen zu legen, ehe er das ganze Geld, das er bei sich hatte, an Arme verteilt wußte. Einst konnte er lange keinen Schlaf finden, da stand er auf, suchte und fand einiges Kleingeld in seinen Taschen. Rabbi Nachum aus Tschernobol, sein Schüler, gab all seine Einkünfte für die „Auslösung von Gefangenen" und für die Ausstattung armer Bräute her. Selbst aber lebte er in äußerster Dürftigkeit. Die Chronik der Chewrah-Kadischah in Tschernobol enthält eine sehr charakteristische Aufzeichnung darüber; Rabbi Nachum wurde als Mitglied aufgenommen und da er den Beitrag von drei Rubeln nicht bar bezahlen konnte, gab er ein Buch „Sefer Chassidim" als Pfand. So lebten um jene Zeit die Häupter des Chassidismus. Mit dem Hinscheiden der ersten Vertreter aber trat eine Periode der Üppigkeit und des Luxus ein. Das dürftige Häuschen verschwand und an seine Stelle trat der „Hof" mit allem modernen Komfort. Schon der Sohn und der Nachfolger Rabbi Nachums, Rabbi Mordechaj, begann auf großem Fuße zu leben, fuhr in einem Viergespann, in einer prunkvollen Kalesche nach Art der polnischen Adligen. Die Chassidim setzten sich dieser Lebensführung nicht entgegen, im Gegenteil, sie sahen darin „Gadluthhamoach", „Geistesschwung", und glaubten, daß Engel die Kalesche begleiteten. Einzelne Sprößlinge dieser Dynastie brachten es zu großem Reichtum und üppigem Hausprunk. Bekannt ist die Chanukah-Menorah (Leuchter) des Zaddik Rabbi David aus Talna, eines Sohnes des Rabbi Mordechaj, die aus reinem Silber und reinem Golde bestand, und an der ein berühmter Goldschmied jahrelang gearbeitet hatte. Sie hatte Mannesgröße und war mit getriebenen Figuren, Bäumen, Blumen und einem kunstvollen Häuschen geschmückt. Man erzählt: Einst zeigte R. David seine Menorah einem andern Zaddik, der zu ihm auf Besuch gekommen war. Dieser war von solchem Luxus sehr wenig erbaut und machte die Bemerkung: „Ich bewundere die Schönheit dieser Menorah. Alles gibt es hier, sogar ein schönes Häuschen, aber an einem mangelt es, an einem Ort für die Notdurft." Derselbe Rabbi David hatte sich einen silbernen Thronsessel anfertigen lassen, der ihn in große Gefahr stürzte. Man hinterbrachte nämlich den Behörden, daß der Sessel die Inschrift: David, König von Israel trug. R. David mußte Rußland verlassen und sich nach Brody in Galizien flüchten. Auch die andern Mitglieder dieser Dynastie ließen sich Prachtbauten errichten und statteten sie verschwenderisch aus. Sie verstanden es auch, sich eine entsprechende ständige Einnahmequelle zu verschaffen, indem sie „Maamadoth" einführten (es ist dies eine Art Peterspfennig, zu dem sich jeder Chassid verpflichten mußte), und sie hatten ihre Emissäre, die diese Abgaben einzukassieren pflegten. Außerdem hatte jeder Chassid bei seinem Besuch zusammen mit dem „Quittel* (Zettel), auf dem alle seine Bitten und Wünsche verzeichnet standen, eine gewisse Summe, „Pidjon" (Lösegeld) genannt, zu überreichen. Jeder gab, soviel er konnte, gar oft mehr als er konnte, je nach Gutdünken des Zaddik. Die Summe des Lösegeldes hatte gewöhnlich eine symbolische Bedeutung: achtzehn oder ein Vielfaches

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